„War Machine“: Brad Pitt im Kriegswahn

KRITIK | Wenn Brad Pitt eine Grimasse wie Popeye zieht, liegt das keineswegs an seiner Spinatlust, sondern vielmehr an seinem unstillbaren Hunger nach Krieg. Klingt eigenwillig, ist es auch. Letzten Endes ist War Machine allerdings nicht die beißende Satire, die er sein könnte, sondern vielmehr eine nichtssagende Slapstick-Ode an die Sinnlosigkeit des Afghanistan-Krieges. 

KRITIK

Eigenproduktionen von Netflix sind oft genial, nicht selten aufschlussreich, hin und wieder aber auch kaum von Belangen – ein Auf und Ab, könnte man sagen. War Machine hat mich trotz Skepsis aber dennoch hellhörig werden lassen, immerhin hat man satte 60 Mio. US-Dollar in den Film gesteckt. Außerdem ist Brad Pitt nicht nur als treibende Kraft vor der Kamera an Bord, sondern auch als Produzent – und als solcher beweist er immer wieder ein goldenes Händchen, etwa mit DepartedKick-Ass oder auch Selma. Und da mir Netflix den Film ohnehin bei jeder Gelegenheit unter die Nase reibt und er ja quasi nur darauf wartet, abgespielt zu werden, dachte ich, könnte man mal einen Blick riskieren – und wenn’s nur ist, um endlich Ruhe vor ihm zu haben.

Die Brad Pitt-Schau

War Dogs ist voll von Gesichtern, die man irgendwo schon mal gesehen hat – auch wenn man auf den ersten Blick vielleicht nicht weiß, woher man sie kennt. Sie sind da, Will Poulter, Scott MyNairy oder Topher Grace. Und sie erfüllen ihre Aufgabe ordentlich, wenn sie auch stets im Hintergrund bleiben. Ben Kingsley ist da mit der Neuauflage seiner Mandarin-Darbietung aus Iron Man 3 schon etwas präsenter und reißt die wenigen Szenen, die ihm gegönnt sind, auch unweigerlich an sich. Alles in allem dreht sich die Geschichte um einen: Brad Pitt als General Glen McMahon.

Auch wenn der mittlerweile 53-Jährige eigentlich im richtigen Alter wäre, um die Figur des von Stanley McChrystal (so sein echter Name) auf die Leinwand zu bringen, wirkt er letztlich einfach zu jung für die Rolle – dank Hollywood’scher Schönheitskuren ist Angelina Jolies Ex ja irgendwie leibhaftig zu Benjamin Button mutiert. Abgesehen davon ist seine Darbietung nicht nur völlig überzogen (und das soll sie auch sein), sondern von jener Unsicherheit bestimmt, die sich durch den ganzen Film zieht – zu schrullig, um authentisch zu sein, zu inkonsequent, um wirklich lustig zu sein. Sein Spiel wirkt stets wie eine Maskerade, aufgesetzt und zusammengebastelt aus seinen früheren Filmen, etwa Burn After ReadingInglourious Basterds und Herz aus Stahl. Ja, stets mit einem Auge zugedrückt erinnert er fast schon an Popeye, wenn er seine Mundwinkel verzieht, als hätte er die Pfeife unseres Spinat-verrückten Zeichentrick-Helden im Mund. Schlecht macht er das ja nicht, in einen Wes Anderson-Film würde seine Darbietung wohl ganz hervorragend passen. David Michôd hingegen scheitert kläglich daran, einen geeigneten Rahmen für Pitts überspitzte Darbietung zu schaffen.

Die Sinnlosigkeit des Krieges

Die Prämisse des Films ist klar – der Vorlage des verstorbenen Journalisten Michael Hastings gerecht werden und auf die Sinnlosigkeit des Krieges hinweisen, vor allem aber die US-amerikanische Kriegsführungs-Maschinerie im Konflikt mit dem Irak und Afghanistan aufs Korn nehmen. Die Geschichte basiert somit zwar einerseits auf wahren Ereignissen, wirkt andererseits aber wie eine überspitzte Groteske, die genauso gut aus dem Theater stammen könnte. Was sich nun wirklich so zugetragen hat und was nicht, ist nicht eindeutig klar. War Machine soll aber auch keine Dokumentation sein, sondern ein Spielfilm, der sich der Fiktion bedient, um sein vorrangiges Ziel zu erreichen: Unterhaltung. Was tatsächlich aus Hastings Mitschriften stammt und wo sich die Drehbuchautoren etwas aus den Fingern gesaugt haben, spielt demnach eine sekundäre Rolle. Dass ich mich mit diesen Fragen aber überhaupt beschäftige, liegt vielmehr daran, dass mir der Film jede Menge Zeit dazu gibt, eben gerade weil er das Ziel der Unterhaltung nur bedingt erreicht.

Die erste Hälfte des Films ist ein wahres Kuriositätenkabinett aus schrägen Charakteren, skurrilen Szenarien und schnittigen Dialogen, die durchaus an Tarantino, Ritchie oder die Coen Brothers erinnern. Die Geschichte selbst wird zur Nebensache degradiert, und dieser Schachzug an sich ist gar nicht mal verkehrt. Woran es letztlich scheitert ist David Michôds fehlende Gespür für Timing. Ja, ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass War Machine auf dem Papier ganz hervorragend funktionierte. Mit einem Gespür für Dialoge, Darsteller und Storytelling hätten wir hier wohl eine ebenso aufschlussreiche wie unterhaltsame Satire bekommen können, die sich mit der beißenden Sozialkritik eines Thank you for Smoking oder Lord of War messen könnte. Die Originalität der Vorlage scheint allerdings auf dem Weg zu den Dreharbeiten irgendwie abhanden gekommen zu sein. Hier und da kommt sie aber dennoch zum Vorschein, etwa wenn der afghanische Präsident Karzai Mühe hat, seinen Blu-ray Player zum Laufen zu kriegen. Ob sich Netflix hier einen kleinen Spaß im Sinne eigennützigen Product Placements erlaubt hat? Falls ja, well played, Netflix. Well played.

(Zeit-)Verschwendung

Wer eine Schwäche für die Materie und einen unstillbaren Informationsdurst nach mehr oder minder historisch angehauchten Ereignissen rund um taktische Kriegsführung hat, wird mit War Machine nur bedingt gesättigt. Die Geschichte plätschert bis zum Schlussakt nur so vor sich hin, leidet allen voran aber an einer Identitätsstörung. Er verliert sich irgendwo zwischen einer rotzfrechen Persiflage und einem aufschlussreichen Tatsachenbericht, sodass man es als Zuseher schwer hat, das Ganze überhaupt einzuordnen.

Letzten Endes wären Michael Hastings Aufzeichnungen in anderen Händen wohl besser aufgehoben. So ist War Machine nämlich nicht sonderlich unterhaltsam, und obendrein ist man danach auch noch genauso schlau wie zuvor. Was man außerdem nicht vergessen sollte, ist, dass War Machine so nicht nur die Zeit seines Zuschauers verschwendet, sondern auch jede Menge Geld verschlungen hat. Die Produktion kostete nämlich sage und schreibe 60 Mio. US-Dollar und war damit teurer als die beiden John Wick-Filme (zusammen!), ArrivalDeadpoolHacksaw Ridge oder The Hateful Eight.

4/10

AUF GUAT DEITSCH

Sports eich die Zeit und schauts stottdessn liaba an aundan Brad Pitt-Füm. Irgendan, wurscht wöchn. San eigentlich olle besser.

War Machine hot echt a poa guade Lines, zwa, drei Schmunzla und a holbwegs spannendes Finale. Anaholb Stund fadisiern rechtfertigt des meina Meinung noch oba net.

Darum geht’s: In einem in unserer Zeit überaus relevanten Film porträtiert der Drehbuchautor/Regisseur David Michôd (Animal Kingdom) – teils als Nacherzählung wahrer Ereignisse, teils als schonungslose Parodie in Form einer innovativen und grenzensprengenden Neuerfindung des Genres – den achterbahnartigen Aufstieg und Fall eines US-Generals. Es handelt sich um eine revolutionäre filmische Exploration in Gestalt einer absurden Kriegsgeschichte über einen geborenen Anführer, dessen Größenwahn ihn selbstbewussten Schrittes auf sein eigenes Verderben zusteuern lässt. In einer gekonnt schlitzohrigen Darbietung spielt Brad Pitt die Hauptfigur des erfolgreichen, charismatischen Vier-Sterne-Generals, der wie ein Rockstar zum Befehlshaber der NATO in Afghanistan aufsteigt, von seinem eigenen Größenwahn und dem schonungslosen Enthüllungsbericht eines Journalisten jedoch letztlich zu Fall gebracht wird. War Machine thematisiert unsere Pflicht gegenüber Soldaten, die Zwecke ihrer militärischen Einsätze zu hinterfragen.

Des gibt’s zum wissn:

#1: War Machine kostete in der Produktion knapp 60 Mio. US-Dollar. 

#2: Der Film basiert auf wahren Ereignissen, die der Journalist und Autor Michael Hastings in dem Buch The Operators festhielt.

#3: War Machine wurde bereits 2015 gedreht – u.a. in London, Berlin, Abu Dhabi und Dubai.

#4: Der Film feierte seine Premiere am 26. Mai 2017 und ist seitdem auf Netflix verfügbar.

Wenn da War Machine taugt, dann vielleicht a…

…andere Kriegssatiren, allen voran natürlich Stanley Kubricks Dr. Strangelove oder wie ich lernte die Bombe zu lieben und Charlie Chaplins Stummfilm-Klassiker Der große Diktator. Das moderner, kurzweiligere Pendant zu weiteren Genre-Klassikern wie Der böse Trick und M*A*S*H wäre vermutlich David O. Russells Three Kings mit George Clooney, Mark Wahlberg und Ice Cube.

Wer ausgerechnet Brad Pitts abgedrehtem Spiel verfällt, dürfte ihn in 12 Monkeys oder Burn After Reading wohl mindestens ebenso großartig finden. Und wer ganz grundsätzlich auf gute Unterhaltung mit satirischem Hintergrund steht, sollte auch Lord of War oder Thank you for Smoking gesehen haben. Eine ganz besonders abgedrehte Zeit verbringt man außerdem mit Team America – eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Puppenspiel-Freunde, South Park-Sympathisanten und US-Kritiker.

DVD/Blu-ray

Wie üblich für eine Netflix-Eigenproduktion wird es War Machine vorerst ausschließlich direkt beim Streaminganbieter zu sehen geben. Eine Auswertung auf DVD und Blu-ray dürfte früher oder später zwar folgen, wird aber mit Sicherheit noch eine Weile auf sich warten lassen.

Spoiler Buff

Die ersten 90 Minuten sind reichlich ereignislos. Spannend wird’s hingegen im Schlussakt, wenn die Mission schlussendlich in die Tat umgesetzt werden soll. Der Alleingang eines Soldaten im feindlichen Gebiet wurde ebenso bodenständig wie mitreißend inszeniert – ohne großes Tamtam oder dramatische Musik, ohne allem, das uns daran erinnern könnte, das wir gerade nur einen Film sehen. Immerhin Spannung kann er also, dieser David Michôd. Jene Szene ist mit Abstand die beste des gesamten Films, entspricht dem Charakter von War Machine gleichzeitig aber auch am wenigsten. So richtig ins Gesamtkonzept des Films passt das Ganze also nicht. Da es einem der Film aber ohnehin unmöglich macht, allzu tief ins Geschehen einzutauchen, wird man durch jenen Stilbruch erst gar nicht wieder rausgerissen. Hat also auch was Gutes, irgendwie.

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