„Guardians“ – Die Ostblock-Avengers

KRITIK | Heldenpower ist gefragt, wenn ein Superschurke ausbricht und plötzlich die ganze Welt bedroht – nicht nur in Hollywood. Guardians kopiert seine amerikanischen Vorbilder wo es nur geht, pfeift dabei allerdings auf Storytelling und Charaktere und bleibt damit nur bedingt als russische Antwort auf den Comic-Hype der Traumfabrik in Erinnerung. Spaß macht das Ganze dennoch, also irgendwie…

KRITIK

Der Bekmambetov’sche Effekt hallt nach. Ja, spätestens seit dem Durchbruch von Timur Bekmambetov (Wächter der NachtWächter des Tages), der sich mit Filmen wie Wanted oder Abraham Lincoln Vampirjäger mittlerweile auch auf internationaler Ebene einen Namen gemacht hat, sind die „Ostblockbuster“ weiter auf dem Vormarsch. Und die machen hin und wieder Spaß und grenzen sich stilistisch gerne vom westlichen Einheitsbrei ab, bieten, wie im Falle von Guardians, oft aber auch nur fadenscheiniges Hollywood-Recycling nach russischem Rezept…

Epos im Schnelldurchlauf

Sowohl die „Entstehung“ der titelgebenden Guardians als auch der immergleiche Auslöser einer vermeintlichen Katastrophe, zu der es letzten Endes ja doch nie kommt, werden bereits während des Vorspanns sowie in den allerersten Minuten des Films abgewickelt. Zu sagen, Guardians würde direkt ans Eingemachte gehen, wäre eine Untertreibung. Der Film nimmt sich gleich von Beginn an keinerlei Zeit für seine Charaktere und lässt jegliche Bemühungen fallen, eine Geschichte zu erzählen. Dementsprechend gehetzt geht es ohne Umschweife in ein regelrechtes Gelage aus explosiven Slow Motion-Sequenzen in bedingt überzeugenden CGIs, die einen regelrecht überrennen. Während es aber durchaus Spaß macht, wie brachial der Film loslegt, wird schnell klar, dass es sich die Macher gar nicht erst zur Aufgabe gemacht haben, einen runden Film – möglicherweise sogar mit einem durchdachten Konzept – abzuliefern oder gar den amerikanischen Vorbildern in irgendeiner Art und Weise voraus zu sein.

Mit einer Laufzeit von gerade einmal 88 Minuten erinnert Guardians fast schon ein wenig an die Trash-Filme von The Asylum, die fast auf die Minute genau auf eine Runtime von eineinhalb Stunden getrimmt werden. Keine Zeit für Charakterentwicklung oder Storytelling, sondern nur für die Wiederverwertung von all dem, was uns Hollywood seit der Jahrtausendwende vorgesetzt hat – und das auch noch im Schnellverfahren.

Ja, das Drehbuch von Guardians hat wohl nicht allzu viele Seiten – und selbst von denen dürften 90 Prozent eigentlich aus erfolgreichen US-Blockbustern stammen. Vor allem inhaltlich funktioniert die Copy-und-Paste-Methode hier allerdings so gar nicht. Die paar Gedanken, die sich die Macher gemacht haben, hat man sich dann doch für Optik und Action aufgehoben…

Die Action: Generisch, aber kurzweilig

Die russische Superhelden-Brigade besteht aus einem Wer-Bär, der als XXL-Version von Rocket (aus Guardians of the Galaxy) durchgehen könnte, einem steinharten Anführer und einer attraktiven Unsichtbaren, die an die Fantastic Four erinnern und einem asiatisch angehauchten Winter Soldier-Verschnitt. Immerhin hat man ihnen aber zumindest kleine Nuancen an Originalität eingehaucht, etwa mit einigen designtechnischen Kniffen oder mit ausgefallenen Gadgets, die immerhin einen Ansatz kreativen Schaffens aufblitzen lassen – wenn auch nur kurz.

Dass die Action, egal wie groß sie auch aufgezogen wurde, nicht mit Hollywoods sündhaften teuren Spektakeln zu vergleichen ist, sollte klar sein – immerhin hat Guardians in der Produktion gerade einmal das Fünfizgstel der ganz großen Comic-Verfilmungen gekostet. Nichtsdestotrotz fällt das russische Pendant gerade in Anbetracht dessen erstaunlich ästhetisch und wunderbar brachial aus – auch wenn sich ein gewisser Trash-Faktor nicht leugnen lässt. Der Film kreiert so nicht nur eine ganz spezielle Optik, sondern auch eine Hollywood-fremde Dynamik, die zum Einheitsbrei, den wir sonst so im Kino serviert bekommen, doch irgendwie eine wohltuende Abwechslung darstellt.

Schade ist, dass es der Drehbuchautor des Films allerdings nicht einmal für nötig gehalten hat, zumindest die Actionszenen halbwegs schlüssig hinzukriegen. So trüben viele Ungereimtheiten, die schlichtweg keinen Sinn ergeben, den Spaßfaktor doch wieder merklich.

Im Ostblock nichts Neues

Bedenkt man, zu welchen Konditionen Guardians gedreht wurde, ist es schon beachtlich, welch spektakuläre Bilder Sarik Andreasyan hier zustande gebracht hat. Während der Film aber alles daran setzt, als kleiner Bruder der Avengers durchzugehen, bleibt er vor allem als russisches Mash-Up der amerikanischen Comic-Film-Industrie in Erinnerung.

Offensichtlich von Hollywood inspiriert, trägt Guardians aber dennoch eine ganz eigene Handschrift, mit der Actionfreunde durchaus Spaß haben dürften, solange sie nicht großartig nach einer Geschichte suchen – die ist nämlich kaum vorhanden und macht ebenso wenig Sinn wie Spaß. Letzten Endes ist Guardians nicht mehr als Bombast-Kino mit Trash-Charakter, mit dem man bei der richtigen Erwartungshaltung durchaus kurzweilige eineinhalb Stunden verbringen kann. Wer sich allerdings weigert, sein Hirn für diese Zeit in den Standby-Modus zu versetzen, wird mit den Ostblock-Avengers nur wenig Freude haben.

5/10

AUF GUAT DEITSCH

Irgndwie wirkt Guardians, als wär er zehn Joah vor Avengers entstandn – und dann hot ma si holt in Hollywood gedocht, des kennt ma a mochn, nur bessa. Is oba umgekehrt, und genau deswegn wirkt da Füm irgendwie a scho wieder überhult. Des betrifft die Effekte, oba a ois andere. Oba a wenn die Gschicht oam bis net vorhandn is, mocht zumindest die Action Spaß – wenn ma net erwortet, dass der Füm wie a Avengers ausschaut.

Darum geht’s: Moskau während des Kalten Krieges: Gerüchte um ein angebliches Superhelden-Programm des Erzfeindes USA kann und will die sowjetische Führung nicht auf sich sitzen lassen. Durch gezielte Manipulation ihrer DNS-Stränge werden Ler, Arsus, Han und Xenia zur eigenen übermenschlichen und schlagkräftigen Verteidigungstruppe umfunktioniert. Doch durch den Verfall der UdSSR und die Abkühlung des Kalten Krieges werden die GUARDIANS nicht mehr benötigt und müssen untertauchen – bis eines Tages mit Kuratow ein neuer, würdiger Gegner auf den Plan tritt: Mit einer gigantischen Cyborgarmee legt er Moskau in Schutt und Asche und ist kurz davor, das ganze Land zu unterwerfen. Das Militär ist machtlos, aber die GUARDIANS sind es nicht!

Des gibt’s zum wissn:

#1: Guardians wurde mit einem Budget von knapp 4,5 Mio. US-Dollar gedreht.

#2: An seinem Startwochenende brachte es der Film locker an die Spitze der russischen Kinocharts. Bereits in der zweiten Woche folgte aber ein Absturz von über 90%. Letzten Endes sollte Guardians nur knapp 4,7 Mio. US-Dollar einspielen.

#3: Trotz des ausbleibenden Erfolges wurde bereits eine Fortsetzung angekündigt. Diese soll von China mitfinanziert werden. In Teil 2 dürfen wir uns also wohl auf einige fernöstliche Schauplätze sowie Darsteller freuen.

#4: Es gibt eine Abspannszene am Ende des Films, also nicht gleich wegschalten!

Wenn da Guardians taugt, dann vielleicht a…

Natürlich allerhand US-amerikanische Superheldenfilme wie Marvel’s The Avengers oder Guardians of the Galaxy, vermutlich sogar die beiden Fantastic Four-Filme aus den 2000ern. In mir persönlich steigt bei solchen Filmen aber vor allem die Lust auf, ähnlich geartete Filme zu sehen – also in diesem Fall russische Blockbuster, die versuchen, Hollywood zu imitieren und dabei dennoch eine ganz eigene Handschrift tragen. Neben meinen persönlichen Highlights, Wächter der Nacht und Wächter des Tages, gäbe es da u.a. noch das Kriegsepos Stalingrad sowie den historisch angehauchten Fürst der Dämonen, in dessen Fortsetzung übrigens Jackie Chan und Arnold Schwarzenegger mitspielen. Darüber hinaus könnten auch übertriebene Action-Spektakel wie Wanted oder Abraham Lincoln Vampirjäger etwas für euch sein – immerhin stammen auch diese beiden von einem in Russland geborenen Regisseur, Timur Bekmambetov.

DVD/Blu-ray

Capelight Pictures hat sich die Guardians-Rechte im deutschen Sprachraum gesichert und veröffentlicht den Film auf DVDBlu-ray sowie im limitierten Blu-ray Steelbook – natürlich komplett ungeschnitten. Erscheinungstermin: 2. Juni 2017

Spoiler Buff

Guardians wirft keine Fragen auf und spart sich damit auch gleich, Antworten liefern zu müssen. Er vergeht ganz einfach – und am Ende ist man genauso schlau wie vorher. Sinn ergeben die meisten Dinge dabei nicht so wirklich, etwa die Rolle der hübschen Blondine, die doch eigentlich damit prahlt, ihre Körpertemperatur stets anpassen zu können, sodass sie weder Hitze noch Kälte fühlt, nur um wenig später einzufrieren. Ja, auf diesem Niveau ist Guardians anzusiedeln.

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