Zwischen Rentner-Kino und Heist-Movie: „Abgang mit Stil“

KRITIK | Manchmal sind Filme einfach nur dazu da, um die Probleme in der Welt da draußen für eineinhalb Stunden zu vergessen; Filme, die aufmuntern und berühren, gerade so sehr, dass man den sicheren Hafen Hollywood’scher Weichspül-Comedy nie verlassen muss, Filme, die einen nie langweilen, die aber dennoch schnell vergessen sind, Filme, die allein aufgrund ihres Ensembles aber nichtsdestotrotz einen Blick wert sind – Filme wie Abgang mit Stil.

Da ist er also wieder, zurück auf dem Regiestuhl, Zach Braff, der mich in den frühen 2000ern stets davon abhielt, die Hausübung gleich nach der Schule zu erledigen. Denn Scrubs lief immer zu jener Zeit – und das konnte man ganz einfach nicht nicht schauen. Okay, ich geb‘ ja zu, ich hätte wohl auch ohne J.D. & Co eine Ablenkung gefunden, um mir die Nachmittage zu vertreiben, ohne an die Schule zu denken, aber Fakt ist nun mal: Die beiden haben jene Zeit – oder zumindest meine Nachmittage – zweifelsohne geprägt.

Eines Tages hat sich Hauptdarsteller Zach Braff dazu entschlossen, auch selbst unter die Geschichtenerzähler zu gehen und schrieb Drehbücher – Drehbücher, die er auch prompt selbst verfilmte. Garden State (2004) und Wish I was Here (2014) wohnte trotz namhafter Besetzung ein gewisser Independent-Charme inne. Beide Filme blieben mir aber nicht nur als kreative, sondern vor allem als lebensbejahende Feel-Good-Movies, als alternativ angehauchte Anti-Depressiva in Zelluloidform in Erinnerung. Mit Abgang mit Stil adaptiert er nun erstmals einen bereits vorhandenen Stoff.

KRITIK

Mit Filmen ist es wie beim Essen: Natürlich freut man sich hin und wieder, wenn man etwas Exquisites vor die Nase gesetzt bekommt, etwas, das einem ein noch nie dagewesenes Erlebnis beschert, Momente des Glücks, die man so schnell nicht wieder vergisst. An einem trüben, regnerischen Sonntag fühlt es sich nichtsdestotrotz manchmal einfach nur richtig an, bei seiner Stamm-Pizzeria zu bestellen – nichts Außergewöhnliches, nicht unbedingt frisch, aber in genau diesem Moment das Beste, was man sich nur vorstellen kann. Abgang mit Stil ist so eine Pizza.

Beine hochlegen, bitte.

Abgang mit Stil ist nichts anderes als unglaublich routiniertes Hollywoodkino nach Schema F. Ab und zu tut’s aber nun mal ganz gut, wenn ein Film einen nicht allzu sehr fordert, einen nicht verwirrt, keine existenziellen Fragen aufwirft oder verzwickt-verstrickte Geschichten erzählt. Nein, ab und zu reicht es, wenn ein Film uns nur einmal für eineinhalb Stunden vergessen lässt, welch für schreckliche Dinge in der Welt so vor sich gehen. Und es sei jedem vergönnt, der Wirklichkeit mal für 90 Minuten zu entfliehen, die Beine hochzulegen und sich unbekümmerter, charmanter, Klischee-beladener Unterhaltung hinzugeben.

Alles was es braucht, um nicht als Reinkarnation altbackenen Genre-Kitschs zu gelten, sind ein paar pfiffige Ideen, anhand uns die guten, alten Werte vermittelt werden. Und die hat Zach Braff standesgemäß in Petto. Dass einem das Ende des Films schon zu Beginn wie Schuppen von den Augen fällt, ändert dank einiger wunderbarer Ansätze, das Altern in der heutigen Zeit ebenso nachdenklich wie augenzwinkernd in Szene zu setzen, nichts daran, dass der Weg bis dahin ein kurzweiliger ist. Keiner mit allzu großen Überraschungen, keiner, der lange im Gedächtnis bleibt, aber auch keiner, der einen gelangweilt auf die Uhr blicken lässt.

Wenn die Chemie stimmt

Dass es Abgang mit Stil gar nicht nötig hat, auf große Eskapaden, Twists oder Klimbim zu setzen, ist allen voran dem Trio Infernale an vorderster Front zu verdanken. Morgan Freeman, Michael Caine und Alan Arkin sind nämlich nicht nur für sich betrachtet ganz großartige Schauspieler, sondern harmonieren vor der Kamera auch noch, wie es eins nur die Golden Girls vermochten. Es ist einfach eine Freude, den Dreien zuzusehen, wie sie Pläne schmieden, um sich ihre hartverdiente Pension um jeden Preis zurückholen. Der tatsächliche Ernst der Lage kommt zwar nie richtig zum Ausdruck, aber wozu auch? Immerhin bleibt der Film zu jedem Moment weit mehr Komödie als Drama, sodass es nie den Anschein hat, als würde die sich anbahnende Katastrophe ihrem vermeintlichen Höhepunkt je gefährlich nahe kommen.

Die Chemie stimmt ganz einfach – nicht nur zwischen Freeman, Caine und Arkin. Auch die Nebendarsteller, der Soundtrack und die unbekümmerte Eindimensionalität, in der Abgang mit Stil so vor sich hin plätschert, laden ein, sich ganz einfach wohl zu fühlen und den Ernst des Lebens zur Abwechslung mal hinten anzustellen. Und das ist auch okay so.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt?

Abgang mit Stil ist unschuldiges, zuckersüßes Hollywood-Kino, mit dem die Kleinen genauso viel Spaß haben wie Oma und Opa – der perfekte Film für die ganze Familie, an einem verregneten Sonntagnachmittag.

Schlussendlich ist der Abgang mit Stil nicht mehr als das spaßige Gemeinschaftsprojekt dreier Hollywood-Haudegen, die in ihrem Leben ohnehin alles erreicht haben, was es für sie zu erreichen gab. Zu verlieren gibt’s für sie jedenfalls nichts mehr, warum also nicht noch einmal vor die Kamera treten, um noch einmal so richtig auf die Kacke zu hauen?

Offen gesagt lebt Zach Braffs dritte Regiearbeit einzig und allein von seiner Star-Power. Darüber hinaus ist Abgang mit Stil nie wirklich originell, weil er es ganz einfach auch nicht sein muss. Dennoch, der Film lässt Braffs unverwechselbare Handschrift und seine Vorliebe für liebenswert-schrullige Figuren vermissen und ist trotz einiger skurriler Einlagen nicht mehr als bekömmliche Unterhaltung ohne Wiedererkennungswert.

5,5/10

AUF GUAT DEITSCH

Hobt’s a schlechts Gwissn, wals zwenig mit eichara Oma und eicham Opa mochts? Dann is mei Tipp: Nutzts die Zeit, solangsas no hobts und gehts mit ihnan ins Kino. Sie gfreit’s sicha – und eich woascheinlich a. Genau dafia eignet si Abgang mit Stil meina Meinung noch nämlich am bestn. Und des is jo wos Schens, oda net?

Darum geht’s: In Zach Braffs Komödie „Abgang mit Stil“ spielen die Oscar®-Preisträger Morgan Freeman („Million Dollar Baby“), Michael Caine („Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Hannah und ihre Schwestern“) und Alan Arkin („Little Miss Sunshine“) die lebenslangen Freunde Willie, Joe und Al, die das Rentnerdasein in den Wind schießen und erstmals im Leben vom Pfad der Tugend abweichen. Der Grund: Die von ihrer Firma bisher gezahlte Rente löst sich plötzlich in Luft auf. Als die drei die Rechnungen nicht mehr bezahlen und ihre Familien nicht mehr versorgen können, setzen sie alles auf eine Karte und planen einen halsbrecherischen Coup, um eben jene Bank abzuzocken, die sich ihr Altenteil unter den Nagel gerissen hat.

Des gibt’s zum wissn:

#1: Abgang mit Stil ist das Remake von Die Rentnergang (1979) – damals spielten George Burns, Art Carney und Lee Strasberg die Hauptrollen.

#2: Es ist der mittlerweile sechste Film, in dem Michael Caine und Morgen Freeman gemeinsam vor der Kamera stehen – nach der Dark Knight Trilogie sowie Die Unfassbaren 1 & 2.

#3: Der Film, den die drei Herren in der Nacht vor ihrem Banküberfall schauen, ist Hundstage (1975) mit Al Pacino – in dem es auch um einen Banküberfall geht.

#4: Die Produktionskosten von Abgang mit Stil betrugen knapp 25 Mio. US-Dollar.

Wenn da Abgang mit Stil taugt, dann vielleicht a…

…andere Heist Movies. Okay, der Film hat mit The Heat, Ronin oder The The Town ebenso wenig gemeinsam wie mit Die üblichen Verdächtigen oder The Italian Job. Auch die Parallelen zu Snatch oder Ocean’s Eleven halten sich in Grenzen, obwohl Letzterer vielleicht als etwas pfiffigere, flottere Variante des Rentner-Coups durchgehen würde. Dennoch schlägt Abgang mit Stil doch eher in die Richtung von Last VegasDas Beste kommt zum Schluss oder Zwei vom alten Schlag, in denen alternde Haudegen noch einmal einen draufmachen, solange sie noch können.

DVD/Blu-ray

Warner Bros. listet den Film für 7. September 2017 auf DVD und Blu-ray. Infos zu einer Sonderedition sind nicht bekannt.

Spoiler Buff

Entfällt. Wenn ich selbst bei einem solchen Film noch glauben würde, „mehr“ verraten zu müssen, müsste ich langsam drüber beginnen darüber nachdenken, ob ich mit meiner Zeit wirklich nichts Besseres anzufangen weiß. Einfach reingehen und Spaß haben – oder auch nicht.

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