„Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“: Tim Burton meets Wes Anderson… oder so.

KRITIK | Als würde die Hochzeit mit einer Leiche im Grand Budapest Hotel stattfinden: Netflix‘ Eine Reihe betrüblicher Ereignisse vereint Tim Burtons Hang morbiden Charme mit Wes Andersons schrulliger Verschrobenheit. Ein wenig „Pushing Daisies“ zum Drüberstreuen und voilà, fertig ist die einzig wahre Adaption von Lemony Snickets Kinderbuchreihe. Vielleicht tut man aber dennoch besser daran, die Warnung des Autors zu befolgen und seinen Blick schnurstracks wieder abzuwenden?

Es war einmal…

…ein Film. Und ein Buch. Nein, eigentlich mehrere Bücher. 13 Bände, um genau zu sein. Wenn ihr keines davon gelesen habt oder, noch schlimmer, noch nie davon gehört habt, ist das aber kein Grund sich zu schämen. Hab‘ ich auch nicht. Also wenn, dann schämen wir uns von nun an gemeinsam.

Da eine TV-Serie aber auch, ebenso wie ein Film, funktionieren sollte, ohne potentielle Vorlagen in- und auswendig zu kennen, lasse ich den Ursprung der betrüblichen Ereignisse erst einmal ruhen. Das neue Netflix Original mag eventuell umso mehr Spaß, wenn man mit den Baudelaires aufgewachsen ist, wenn einen der hinterlistige Graf Olaf in der Kindheit schlaflose Nächte bereitet hat und einem die eigenen Eltern immer wieder so ahnungslos erschienen, wie der bemühte, wenn auch wenig hilfreiche Mr. Poe. Da ich aber weder einen DeLorean in der Garage noch eine TARDIS in meinem Wohnzimmer stehen hab‘, kann ich nun mal nicht mehr ändern, womit ich aufgewachsen oder eben nicht aufgewachsen bin. Also, wurscht.

An die Verfilmung mit Jim Carrey kann ich mich übrigens noch erinnern. Nun, mehr oder weniger. Der Film ist gerade in einer Zeit erschienen, in der ich’s für cooler empfand, Filme mit Altersfreigaben jenseits des mir Erlaubten zu sehen. Trotzdem bin ich für Lemony Snicket’s Rätselhafte Ereignisse zur Videothek gegenüber – ja, damals gab’s sowas noch -, um Bekanntschaft mit den Baudelaires zu schließen. Zugegeben, viel ist damals nicht hängengeblieben. Doch auch wenn das meine Erwartungen an die Serienadaption keinerlei beeinflusste, so weiß ich immerhin noch: Der Film war nicht nur ganz nett, sondern auch einer der letzten mit dem klassischen Jim Carrey, wie ich ihn liebte. Aber wenn altbekannte Stoffe heutzutage irgendwo gut aufgehoben sind, dann wohl bei Netflix. Oder?

Ver(net)flixt nochmal!

Wenn ich eine neue TV-Serie in Angriff nehme, dann meist im Rahmen der von Netflix verfügbar gestellten Möglichkeiten. Und ja, trägt ein neues Format den Stempel „Netflix Original“, gilt ihm schon mal meine Aufmerksamkeit. Denn nach House of CardsStranger Things, Marvel’s Daredevil und auch Sense8 hat der Streamingdienst längst bewiesen, auch mit Eigenproduktionen in der immer dominanter werdenden Serienwelt mitmischen zu können. Mit Eine Reihe betrüblicher Ereignisse schlug man vorab einmal mehr hohe Wellen, auch wenn mich das Ergebnis letztendlich nur bedingt begeistert. Aber das muss nicht unbedingt schlecht sein. Also, ganz allgemein betrachtet. Für mich natürlich schon.

Netflix bleibt sich treu und macht es sich weiterhin gar nicht erst zum Ziel, seine Formate auf ein möglichst breites Publikum zuzuschneiden. Erfolge in der Vergangenheit machen’s möglich, dass man heute auf unkonventionellere Stoffe vertraut und so die moderne Serienwelt mit Formaten wie The OADirk Gentlys holistische Detektei oder eben Eine Reihe betrüblicher Ereignisse auf schrullige, so noch nie dagewesene Art und Weise bereichert. Dass jene Serien mit ihren Ecken und Kanten, ihrem ungewöhnlichen Blick auf die Dinge und einer Herangehensweise, die man erst einmal verarbeiten muss, nicht immer leicht zugänglich sind, ist ebenso offensichtlich wie die Tatsache, dass damit die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass unter jenen Voraussetzungen auch noch der persönliche Geschmack getroffen wird. Trotz gewisser Qualitäten, die Eine Reihe betrüblicher Ereignisse unweigerlich mitbringt, will der Funke einfach nicht überspringen, auch – oder schon gar nicht – wenn man versucht, es zu erzwingen. In meinem virtuellen Netflixregal landet Eine Reihe betrüblicher Ereignisse jedenfalls in der Schublade für Serien, die mir zwar keine kostbare Lebenszeit geraubt, aber auch nicht mehr davon verdient haben (etwa in Form einer Zweitsichtung oder einer 2. Staffel).

So soll’s sein

Nachdem Brad Silberling einst versuchte, der Geschichte der Baudelaires in Spielfilmlänge gerecht zu werden, nahm sich Netflix nun die Freiheit, jedes Kapitel der Kinderbuchreihe in Form einer Doppelepisode zu erzählen. Das gibt einerseits nicht nur der Adaption Struktur, sondern andererseits auch den einzelnen Abenteuern der verschrobenen Waisenkinder genügend Zeit, um sowohl für sich selbst zu stehen als auch stimmig als Teil des großen Ganzen eingebunden zu werden. Dass Figuren neben den Stammcharakteren kommen und gehen, stört dabei zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil, das muss einfach so sein. Auch wenn’s nicht unbedingt als gutes Zeichen zu interpretieren ist, wenn mir egal ist, dass sich Charaktere (die man ja eigentlich auch liebgewinnen könnte) nach kurzer Zeit auch schon wieder verabschieden… aber egal.

Ich hab mir jedenfalls sagen lassen, dass die Serie den Vibe der Bücher kaum hätte besser treffen können. Man scheint sich demnach große Mühe gegeben zu haben, die Vorlage möglichst adäquat zu verfilmen und sowohl die Figuren als auch die Settings stilgerecht zum Leben zu erwecken. Ebenso makaber wie vergnüglich, so düster wie heiter und mindestens so charmant wie aufwendig inszeniert, positioniert sich Eine Reihe betrüblicher Ereignisse so irgendwo zwischen Tim Burton und Wes Anderson – und ist damit zweifellos genau das, was es auch sein will, vielleicht sogar sein soll.

„Treffen sich Tim Burton und Wes Anderson im Theater…“

Optisch wirkt das Szenario von der ersten Minute an so, als wäre es der Welt von Tim Burton (Dark ShadowsAlice im Wunderland) entsprungen. Die triste Einöde wirkt auf morbide Weise charmant und wird mit ein paar grellen Farbklecksen zur kunterbunten Spielweise für kinder(un)freundliche Abenteuer – wie ein Süßwarenladen inmitten Mad Max’scher Wastelands, der den Weltuntergang zumindest für einen Moment zuckersüßs macht.

Was einen Eine Reihe betrüblicher Ereignisse hingegen nicht vergessen lässt, ist der Burton-Bezug. Die verspielt-malerischen Settings, die zu gleichen Teilen aus dem Computer entsprungen und praktischer Natur zu sein scheinen sowie die schaurig-markanten Kostüme mit Märchencharakter lassen eine Welt entstehen, in der man sich verlieren könnte. Und ja, manch einer kann das vielleicht auch. Ich nur leider nicht.

Eigentlich liebe ich’s ja, wenn sich Kinder in Filmen (oder Serien) nicht auf die vermeintlich allwissenden Erwachsenen verlassen können und ihre Probleme auf eigene Faust riskieren. Die GooniesSuper 8Stranger Things – ich bekomm‘ gar nicht genug davon. Je blöder sich die Erwachsenen dabei anstellen, desto lustiger ist das Ganze, etwa wie in Kevin allein zuhausEine Reihe betrüblicher Ereignisse hat die Lacher allerdings nie auf seiner Seite, und das nicht etwa, weil einen die Geschichte der Baudelaires so sehr zu Tode betrübt.

Man könnte fast meinen, Wes Anderson hätte seine Finger im Spiel gehabt. Von trickreichen Sets und dem Soundtrack, der weiß Gott mehr als nur eine Begleiterscheinung im Hintergrund ist, bis hin zu den überzeichneten Charakteren und deren trockenem Humor. Demzufolge hab‘ ich mit Lemony Snickets kläglicher Saga dasselbe Problem wie auch schon mit Andersons gepriesenen Meisterwerken (Moonrise KingdomGrand Budapest Hotel). Es wirkt fast so, als würde man ein Theaterstück sehen, das sich bewusst für die Bühne entscheidet und es gar nicht erst drauf anlegt, das Publikum in seine Welt zu entführen. Denn ja, selbst das unwahrscheinlichste Szenario, das vor mystischen Fabelwesen oder vor hirnverbrannten Unwahrscheinlichkeiten nur so überquillt, kann einen in Angst und Schrecken versetzen – vorausgesetzt, man legt’s drauf an. Eine Reihe betrübliche Ereignisse scheint sich aber nicht zum Ziel gesetzt zu haben, weder mit der tragischen Geschichte der Baudelaires zu deprimieren, noch mit ihren wilden Abenteuern zu erheitern. Einzelne Charaktere – etwa das beißfeste Baby Sunny oder der schonungslos trockene Erzähler Lemony Snicket (genial: Patrick Warburton) – bleiben bis zuletzt das Highlight der Serie, während andere (K. Todd Freeman als Mr. Poe) früher oder später begannen, mein robustes Nervenkostüm zu strapazieren. Und Neil Patrick Harris als Graf Olaf, der ist ein Kapitel für sich…

Neu ist immer besser? Von Barney Stinson zu Graf Olaf.

Wie glaubte Barney Stinson in How I Met Your Mother stets zu wissen? „Neu ist immer besser.“ Das könnte man, Jahre später, auch etwa auf die Neuauflage der Baudelaire-Saga und den damit einhergehenden Jim Carrey-Ersatz ummünzen. Vielleicht aber auch auf Neil Patrick Harris selbst, der in seiner neuen Rolle möglicherweise besser ist als je zuvor?

Nein, keine Sorge. Neil Patrick Harris wird Barney Stinson (für ältere Semester vielleicht auch Doogie Howser) mindestens noch so lange mit sich herumschleppen, wie Daniel Radcliffe seinen Hogwarts-Lehrling oder Jim Parsons seinen neurotischen Physiker. Auch nach Eine Reihe betrüblicher Ereignisse sehe ich in dem vierfachen Golden Globe-Nominee den gewieften Weiberhelden, dem jene Rolle so angegossen passte wie die Anzüge, die er seiner Zeit trug. Dabei kommt Harris, vielseitig wie er mit seiner Musicalausbildung und seiner Erfahrung am Theater ist, dem schelmischen Graf Olaf so nah, wie es nur irgend möglich ist. Und ja, man merkt ihm unweigerlich an, welch großen Spaß er daran hatte, den Kindern den Garaus zu machen, stets händereibend und pläneschmiedend. Doch auch wenn Neil Patrick Harris in jeder seiner Szenen stolz verkündet, so, dass es die ganze Welt hören kann – ja, ich liebe es, mich zu verkleiden, einen griesgrämigen Schurken zu spielen und mich dabei ebenso raffiniert wie tollpatschig anzustellen -,  so ordnet er sich damit letzten Endes doch nur dem Bühnencharakter dieses sagenhaften Serienabenteuers unter. Graf Olaf ist letzten Endes weder furchteinflößend noch zum Brüllen komisch, sondern wirkt stattdessen wie die Parodie seiner selbst. Eine Eigenschaft, die ich auch der Serie selbst zur Last lege…

Muss man mögen. Muss man aber auch nicht.

Ach, wie hab‘ ich mich auf diese Serie gefreut. Ohne konkrete Erwartungen zu schüren, war ich doch sehr gespannt darauf, nicht nur, Neil Patrick Harris endlich mal wieder nicht als engelsblonden Aufreißer zu sehen, sondern auch die Tragödie der Baudelaires in jenem Format zu erleben, das wie für sie gemacht scheint. Lasse ich die wunderbaren Kostüme, die detailverliebten Sets, Patrick Warburton als Erzähler und das brabbelnde Baby mit den rasiermesserscharfen Beißern aber mal außen vor, kann ich Netflix nur eines zugute halten: Man hat sich einmal mehr etwas getraut und’s konsequent durchgezogen. Mit seiner neuen Produktion schrammt der Streaminganbieter dieses Mal allerdings an meinem persönlichen Geschmack vorbei. Naja, kann ja auch nicht immer passen.

Wer die Bücher kennt, sollte die Serie aber wohl keinesfalls verpassen. Denn zumindest der Vorlage scheint man um jeden Preis gerecht werden zu wollen. Und wem bei einer stimmungsvollen, wenn auch etwas befremdlichen Mischung aus Wes Anderson, Tim Burton und Pushing Daisies das Herz aufgeht, der dürfte mit Eine Reihe betrüblicher Ereignisse wohl ebenfalls auf seine Kosten kommen.

Des gibt’s zum wissn:

#1: Autor Lemony Snicket höchstpersönlich hat bereits verkündet, dass an einer 2. Staffel gearbeitet wird. Geplant ist, alle 13 Bände in jeweils zwei Episoden zu erzählen. Insgesamt soll es demnach 26 Episoden geben.

#2: Die Namen, die in den Zeitungen während des Vorspanns unterstrichen sind, sind allesamt Anagramme für Count Olaf (=Graf Olaf).

#3: Neil Patrick Harris singt sämtliche Lieder, die im Vorspann der einzelnen Episoden zu hören sind, selbst.

#4: Die Geräusche, die Sunny Baudelaire von sich gibt, stammen nicht etwa von einem echten Baby. Schauspielerin und Synchronsprecherin Tara Strong „spricht“ die Rolle.

Alles rund um Eine Reihe betrüblicher Ereignisse

Wem das neue Netflix Original erst richtig Lust auf die unheilbringende Saga der Baudelaires gemacht hat, der bekommt bei Amazon.de die Verfilmung aus dem Jahr 2004 schon für kleines Geld auf DVD und Blu-ray. Wer die Buchvorlage auf Deutsch nachholen möchte, muss dafür hingegen etwas tiefer in die Tasche greifen – die deutschen Ausgaben sind nämlich nahezu ausnahmslos vergriffen. Aber, wer weiß, vielleicht folgt im Zuge der Netflix-Serie, spät aber doch, schon bald eine Neuauflage. Wer Bücher ohnehin lieber auf Englisch liest, darf sich hingegen über eine wunderschöne, gebundene Gesamtausgabe mit allen 13 Bänden freuen – die gibt’s nämlich (noch).

 

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