„Train to Busan“: Zombie-Schocker meets Familiendrama

KRITIK | Der koreanische Kassenschlager versucht sich an einem raffinierten Genre-Mix aus vor Blut triefendem Horror, flotter Action und herzzerreissendem Drama. Das funktioniert nicht immer, reicht aber dennoch zu einem der besten Zombiefilme der letzten Zeit.

KRITIK

In Anbetracht der letzten elf Monate, hatte ich die Hoffnung auf ein bleibendes Horror-Ereignis aus dem Jahr 2016 fast schon aufgegeben. Aber vielleicht sollte es ausgerechnet Train to Busan, der Kassenschlager aus Korea, sein, der dem mauen Horror-Jahr auf den letzten Drücker doch noch einen Höhepunkt beschert. Entweder enttäuschten mich Don’t BreatheConjuring 2Ouija 2The Purge: Election Year und Rob Zombie’s 31 nämlich oder sie brachten mich aus guten Gründen gar nicht erst ins Kino. Nachdem ich Train to Busan auf dem diesjährigen /slash Filmfestival verpasst hab‘, der Film nun aber doch noch als Event kurzzeitig auf die Leinwand zurückkehrte und mich die positive Resonanz – nicht nur aus Korea – doch sehr neugierig gemacht hat, musste ich mich natürlich selbst von dem überzeugen, was mir der spektakuläre Trailer des Films versprach: Einen koreanischen World War Z. Mehr oder weniger…

Mit einer Laufzeit von knapp zwei Stunden ist die koreanische Invasion der lebenden Toten freilich weit mehr als nur eine kurzweiliges Gewaltorgie. Wer gut 120 Minuten zu füllen hat, setzt nicht bloß auf Action und Gemetzel, sondern hat auch eine Geschichte zu erzählen. Und genau die ist es auch, die mich in der ersten halben Stunde des Films fast vergessen lässt, dass ich mir gerade einen Zombiefilm ansehe und eigentlich ungeduldig darauf warten müsste, bis die ersten fleischlüsternen Kannibalen von den Toten auferstehen, um den noch lebenden Überbleibseln der Gesellschaft den Garaus zu machen. Train to Busan funktioniert aber schon ganz hervorragend, lange bevor das menschliche Buffet überhaupt angerichtet ist. Tatsächlich blieb mir die erste halbe Stunde, in der von Zombies weit und breit noch keine Spur ist, als stärkste Phase des Films in Erinnerung. Die Charakterzeichnung bedient sich dabei zwar einer Handvoll Klischees, bleibt aber nichtsdestotrotz glaubwürdig – und das ist auch von größter Bedeutung, wenn man mit Seok-woo und seiner Tochter richtig mitfiebern will, sobald die Zombie-Apokalypse einsetzt…

Auf die Plätze, fertig… Mahlzeit.

Seit Jahrzehnten hat sich die filmische Frischfleischkur in Form von Zombie-Schinken kaum verändert. Den markantesten Unterschied macht da noch das Tempo aus, mit dem die Blutgeier ihrer Beute hinterherkommen. Denn während die Ur-Untoten, wie sie George A. Romero einst erschuf, noch gemächlich umherstreifen, zappeln andere von ihrer Blutgier getrieben wiederum wie von einer Tarantel gestochen. Ja, spätestens seit Zack Snyders Dawn of the Dead-Remake sind die pfeilschnellen Untoten mindestens genauso angesagt wie ihre gemütlichen Vorfahren. Der Unterschied lässt sich ganz einfach mit der Wirkung einer Schlaftablette einerseits und der von Extasy andererseits vergleichen. Und die Koreaner? Die sind dem Drogenrausch regelrecht verfallen, so viel sei schon mal verraten.

Der Übergang vom Familiendrama zum Zombieschocker gelingt nahtlos, eben vor allem, weil die Geschichte bis dato nachvollziehbar ist. Mit einem kraftvollen Soundtrack unterlegt, verpasst einem der wirklich stark inszenierte Erstauftritt der Zombies fast schon Gänsehaut. Was folgt, ist eine temporeiche Hetzjagd, in der Train to Busan durchaus gekonnt zwischen Horrorthriller, Familiendrama und Actionfilm jongliert – auch wenn man sich dabei nicht ausschließlich die Stärken der jeweiligen Genres herauspickt. Aber dazu später mehr…

Die Zombie-Action ist flott und knackig geraten. Gerade wenn sich die eben noch reglos am Boden liegenden Fleischklopse wieder aufbäumen, stellt es einem die Nackenhaare auf. Das sieht richtig schön grauslich aus und verpasst dem Film irgendwie eine eigene Note. Während dabei an jeder Ecke fleißig an Hälsen geknabbert wird, bleibt Train to Busan verhältnismäßig zurückhaltend was den Gewaltgrad betrifft und dürfte die Erwartungshaltung der Splatter-Gemeinde ein wenig enttäuschen. Denn auch wenn’s richtig zur Sache geht und sich die Ereignisse regelrecht überschlagen, sind Gedärme sowie abgetrennte Gliedmaßen eher Mangelware. Kein Wunder, würde man eine Großproduktion wie diese mit einer (noch) höheren Altersfreigabe wohl ihren Erfolgschancen berauben. Ich selbst brauch‘ in einem Horrorfilm zwar nicht unbedingt Unmengen an Blut, um befriedigt zu werden, Train to Busan hätte ein wenig mehr Härte aber wohl trotzdem gut getan – vor allem, weil der Film an anderer Stelle ins Schwanken kommt und man den angerichteten Schaden mit ein paar matschigen Bildern zumindest oberflächlich begleichen hätte können . Aber egal, die Altersfreigabe ab 16 Jahren geht jedenfalls absolut in Ordnung.

Die Guten, die Bösen und das, was halt so sein muss.

Eine Horror-Produktion in dieser Größenordnung kann natürlich nicht drauf los splattern, als gäb’s kein Morgen. Wohl nicht zuletzt deswegen blitzen szenenweise auch immer wieder typische Elemente eines südkoreanischen Genremix‘ auf. Wird’s langsam langweilig, wenn die weiß Gott wievielte Tür gerade noch vor den zähnefletschenden Zombies einschnappt, kommt mal Humor, mal Dramatik ins Spiel – begleitet von klassischer Musik, Ultra-Slow-Mo oder CGIs, die mal richtig gut aussehen und mal gerade noch „akzeptabel“ sind. Während unkonventionelle Mash-Ups wie diese gerade im koreanischen Kino oft ausgezeichnet funktionieren, will Train to Busan die unterschiedlichen Genre-Elemente einfach nicht in Einklang bringen – zumindest nicht dauerhaft. Irgendwie unstimmig, fast schon erzwungen, wird man stattdessen aus dem Geschehen gerissen, in das man sich immer wieder zurückkämpfen muss – eben wie die Zombies im Film, die sich durch die eine Tür schlagen, um schon vor der nächsten zu stehen. All das wär‘ aber nur halb so schlimm, wenn man die Dramaturgie in der zweiten Filmhälfte nicht dermaßen überzogen hätte – ja, das war mir selbst für asiatische Verhältnisse zu viel.

Vor allem das japanische, aber auch das chinesische, thailändische oder eben südkoreanische Kino neigt dazu, dick aufzutragen. Das mag man oder nicht. Während ich über verzerrte Gesichter und andere Nebenerscheinungen des klassischen „Overactings“ hinwegsehen kann, steigt mir die Galle hoch, wenn einem ein Film seine Message vorkaut, bis nur noch ein formloser Matsch davon übrig ist. Wirft Train to Busan anfänglich lediglich mit Wertvorstellungen um sich, drängt er einem dieselben im Laufe des Films immer stärker auf, in dem er sie bis zum Gehtnichtmehr offenlegt. Ich stelle mir als Zuseher gerne auch mal die Frage „Wie würde ich reagieren?“ – ganz einfach weil es ganz lustig ist, aber auch, weil es viel über einen selbst aussagt. Train to Busan beleuchtet zwar beide Seiten der Medaille, geht dabei aber oberflächlich, vor allem aber plakativ vor und zeigt dabei ganz bewusst mit dem Finger auf die „Bösen“. Angereichert mit jeder Menge Kitsch und Pathos, der den Film selbst zu einem verwirrten Zombie verkommen lässt, enttäuscht der finale Showdown im großen Stil. Und während einige der letzten Einstellungen des Films wieder an das wunderbar kunstvolle Kino Südkoreas erinnern, fragt man sich nur, wie die Geschichte an ihrem Höhepunkt so sehr in Klischees versinken konnte.

Zamgfasst

Train to Busan ist hart, ohne Gewalt zu verherrlichen, hat aber auch Längen, ohne zu lange zu sein. Was als klassisches, aber grundsolides Familiendrama beginnt, entwickelt sich mit fortschreitender Laufzeit zu einem temporeichen Horror-Actioner, der im Ansatz souverän wirkt, nach und nach aber immer tiefer in die Klischeekiste greift.

Auch wenn der Film sein Ziel, mehr als „nur ein Horrorfilm“ zu sein, letzten Endes nur bedingt erreicht, unterhält Train to Busan und gehört alleine damit schon zu den besseren Zombiestreifen der letzten Jahre.

6,5/10

Darum geht’s: Kaum steigt Seok-woo mit seiner Tochter in die Bahn Richtung Busan ein, breitet sich im Schnellzug eine Infektion rasant aus und verwandelt Fahrgäste in blutdürstige Zombies. Nur knapp entkommen beide samt einer kleinen Gruppe dem Tod. Als die Überlebenden an einem vermeintlich sicheren Bahnhof aussteigen, werden sie von unzähligen Untoten attackiert – die einzige Rettung bietet der Zug. Im Tumult wird Seok-woo von seiner Tochter getrennt, die einige Wagen entfernt von ihm Zuflucht findet. Um sie wiederzufinden, muss er sich durch Zombie-besetzte Abteile kämpfen. Währenddessen treffen die anderen überlebenden Passagiere aus Angst und Misstrauen moralisch fragwürdige Entscheidungen, die einige das Leben kosten wird …

Des gibt’s zum wissn:

#1: Regisseur Yeon Sang-ho drehte mit Seoul Station ein Prequel in Form eines Animes, das einen Tag vor Train to Busan spielt.

#2: Train to Busan ist der erste Live Action-Film von Yeon Sang-ho.

#3: In Malaysia, Hong Kong und Singapur ist Train to Busan (Stand: 12/2016) der erfolgreichste koreanische Film aller Zeiten.

#4: Der Film feierte seine Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2016.

Wenn da Train to Busan taugt, dann vielleicht a…

Anhand der Zombie-Charakteristik würde ich an dieser Stelle vor allem Dawn of the Dead von 2004 sowie auch den in Horrorkreisen oft verschrienen, für einen Blockbuster aber durchaus sehenswerten Zombiestreifen World War Z empfehlen. Bekommt man mit Train to Busan aber erst Lust auf Monströses aus Korea, ist The Host einen Blick wert. Mit The Wailing steht außerdem ein Film an, der in eine ähnliche Kerbe schlägt. Wer mit dem koreanischen Kino außerdem noch nicht so viel zu tun hatte, sollte gleich auch einige andere Must Sees nachholen: OldboyI Saw the DevilChaserA Bittersweet Life und A Tale of Two Sisters.

Allen Sheldon Coopers dieser Welt sind darüber hinaus natürlich andere „Zugfilme“ zu empfehlen. Während sich meine Highlights dahingehend auf Hitchcocks Der Fremde im Zug sowie Snowpiercer (ebenfalls von einem koreanischen Regisseur) beschränken, kann man sich auch Alarmstufe Rot 2Unstoppable oder Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 ansehen.

DVD/Blu-ray

Train to Busan erscheint voraussichtlich am 3. Februar 2017 auf DVD und Blu-ray. Splendid Film veröffentlicht den Film sowohl in jeweiligen Standard Editionen als auch in einer Special Limited Edition im Mediabook, die zusätzlich auch das Anime-Prequel Seoul Station enthält.

Spoiler Buff

Im Fall von Train to Busan dient der Spoiler Buff in erster Linie dazu, genauer auf die Probleme einzugehen, die ich mit dem Film habe. Auch wenn der zweifelsohne auch Qualitäten mitbringt, die ich an ihm schätze, sind es letzten Endes die Unstimmigkeiten, die mich nicht mehr loslassen.

Train to Busan ist – in Anbetracht der Tatsache, dass es sich zum einen um einen Zombiestreifen und zum anderen um einen koreanischen Film handelt – eine Großproduktion, der man ihre Dimension auch an allen Ecken und Enden ansieht. Der Film sieht ganz hervorragend aus und ist, gerade zum Beginn des Zombie-Angriffs sowie ganz zum Schluss, toll inszeniert. Dazwischen lässt man sich allerdings immer wieder dazu hinreißen, willkürlich auf moderne Trends zu setzen – ob das aber auch gerade passt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. (etwas zu) Hektische Aufnahmen bestimmen das Geschehen und werden hier und da mit spektakulären Zeitlupen gepimpt, außerdem finden auch immer wieder POV-Bilder scheinbar ziellos Verwendung. All das sind Elemente, die an und für sich funktionieren können, wenn sie durch ihren Einsatz auch eine höhere Bedeutung zugeschrieben bekommen. In Train to Busan wirkt’s stattdessen lieblos – eben nur, damit’s da ist. Sogenannte Wide Shots, die das Ausmaß der Katastrophe veranschaulichen könnten, sind dagegen Mangelware. Allgemein hätte die Kameraführung für meinen Geschmack oftmals ruhiger sein dürfen, da man so – gerade, wenn es zur Sache geht – vieles gar nicht richtig mitbekommt. Eben jenes Stilmittel liegt bei aktuellen Actionfilmen ja bekanntlich voll im Trend, strengt die Augen aber nur unnötig an – meine zumindest. Sich mitten im Geschehen zu fühlen, ist die eine Sache, deswegen aber gar nichts mehr davon mitzukriegen, die andere.

Inhaltlich wäre an Train to Busan eigentlich gar nichts auszusetzen. Natürlich ist die Geschichte des hart arbeitenden Geschäftsmannes, der aufgrund seiner Arbeit kaum Zeit für seine Familie hat und letzten Endes doch einsieht, was wirklich zählt, nichts Neues. Im Gegenteil, sie ist voll von Klischees. Solange die aber auch gut verpackt werden, spricht auch gar nichts dagegen, auf Schema F-Zutaten zurückzugreifen. Will mir ein Film aber eine Meinung aufzwingen, nachdem er mich gerade noch vor die Wahl gestellt hat, bin ich raus. Vielleicht bin ich auch nur ein gezeichnetes Kind, das den gerade stattfindenden österreichischen Wahlkampf satt hat, aber auch sonst bin ich grundsätzlich ein Freund von Filmen, die einem nicht mehr als Denkanstöße verleihen und einem zutrauen, sich ein seine eigene Wahrheit zu spinnen. Und während Train to Busan immer mehr der Schwarz-Weiß-Malerei verfällt, gehen ihm leider auch noch die Ideen aus, um das Ruder mit dem einen oder anderen Höhepunkt doch nochmal herumzureißen.

Letztendlich versucht man sich in Korea mit Train to Busan einmal mehr an einem inszenatorischen Mix, der nicht so meisterhaft gelingt, wie man es vielleicht gewöhnt ist. Kamera, Musik und Dramaturgie ziehen oft weit aneinander vorbei – erst gegen Ende, wenn sich der Vater endgültig für seine Tochter opfert, kommt das wundervoll-romantische koreanische Kino zum Vorschein – leider ein wenig zu spät.

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2 Gedanken zu “„Train to Busan“: Zombie-Schocker meets Familiendrama

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