Stille Wasser sind tief: „Arrival“ ist Science Fiction-Kino für die Ewigkeit

KRITIK | Mit der Leinwand-Adaption von Ted Chiangs Kurzgeschichte „Story of Your Life“ feiert Denis Villeneuve („Prisoners“, „Sicario“) ein Science Fiction-Debüt, das einem die Sprache verschlägt. Arrival regt zum Nachdenken und Diskutieren an und ist, ganz nebenbei, vielleicht der beste Film des Jahres.

Sogenannte „Alien Invasion Movies“ sind nicht nur angesagter denn je, sondern auch austauschbarer und oberflächlicher. Der jüngste Beweis: Roland Emmerichs Independence Day: Wiederkehr, der selbst eingefleischten Hollywood-Phantasten, die sich lediglich nach Materialschlachten – noch größer, noch schneller, noch lauter – verzehren, zu viel des Guten gewesen sein dürfte. Wenn ihr euch von dieser Ausgeburt eines Sequels aber nicht um zwei Stunden eurer Lebenszeit betrogen fühlt, sondern vielleicht sogar ganz nach eurem Geschmack unterhalten wurdet, könnt ihr euch Denis Villeneuves Arrival – und damit eigentlich auch meine Kritik – gleich im Vorhinein sparen. Denn der stellt gewissermaßen die nachdenklich stimmende Antithese zu Emmerichs No Brainer-„Spektakel“ dar und ist gewissermaßen das geruhsam-friedfertige Yin zu einem übereifrig-feindseligen Yang.

Arrival ist der neue Film von Denis Villeneuve – allein das genügte schon, um vorab höchste Erwartungen zu schüren. Denn ganz abgesehen von seinen unverwechselbaren Frühwerken, zählen Prisoners und Sicario für mich zu den besten Filmen ihres jeweiligen Jahrgangs. Nachdem mich der Kanadier mit seinem philosophischen Thriller-Drama-Hybriden Enemy aber ganz gehörig vor den Kopf gestoßen hat, trat ich doch ein wenig reserviert, fast schon ehrfürchtig an Arrival heran. Zurecht. Denn der Linguistik-Thriller fordert die grauen Zellen nicht nur bis zum Abspann, sondern verlangt einem auch noch lange später ganz schön viel ab – wenn man es zulässt.

KRITIK

Alle Welt liebt sie, diese Underdog-Stories, die einem vermitteln, das Unmögliche wäre vielleicht irgendwie doch möglich, das Unvermeidbare vermeidbar. Und in Hollywood hat man freilich längst erkannt, dass sich dieses „Rocky-Prinzip“, wie ich’s gerne nenne, auch beliebig pompös aufblasen lässt. Der Kampf der Menschheit gegen unbekannte intergalaktische Gefahren avancierte so zum ultimativen Paradebeispiel des klassischen David gegen Goliath-Kampfes. Immerhin setzen sich die Menschen nicht nur jedes Mal aufs Neue gegen die vermeintlich übermächtige Bedrohung aus dem All durch, sondern machen es einem auch einfach, sich mit ihnen zu solidarisieren. Letzten Endes ist man ja auch selbst Mensch. Ob Independence DayKrieg der Welten & Co für sich betrachtet funktionieren oder nicht, ist dabei unerheblich. Letzten Endes erzählen sie lediglich eine Geschichte, die sich der Kommerzialisierung unter dem Vorwand kurzweiliger Inszenierung beugt. Denis Villeneuve hingegen hat für atemlose Hetzjagden ebenso wenig übrig wie für eindimensionales Storytelling und lehrt uns mit Arrival vor allem eines: in der Ruhe liegt die Kraft.

Der Kanadier ist bekannt dafür, mit seinen Filmen Konventionen zu brechen und den Horizont seines Publikums zu erweitern. Er zeigt das, was man für undenkbar hält aus Blickwinkeln, die ebenso unorthodox wie interessant sind. Dass man dem bis vor wenigen Jahren noch relativ unbekannten Filmemacher nun knapp $50 Mio. in die Hand drückt, um einen derart komplexen Science Fiction-Film umzusetzen, ist natürlich auch Vorreitern wie Interstellar oder Ex Machina, die ihrem Zuseher einiges zutrauen – nämlich einer Idee nicht nur zu folgen, sondern sie ggf. auch mit eigenen Überlegungen weiterzuspinnen -, zu verdanken. Man könnte fast meinen, dank jener Filme wäre die Welt für Arrival überhaupt erst bereit. Ansonsten hätte es dem SciFi-Drama ähnlich wie Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum ergehen können. Der war seiner Zeit nämlich fast ein wenig zu weit voraus und wurde damals – bevor er zum zeitlosen Meilenstein der Filmgeschichte erkoren wurde – weiß Gott nicht nur wohlwollend aufgenommen. Bei Arrival hat man allerdings gar keine andere Wahl als ihn zu verehren. Also, meiner Meinung nach zumindest.

Stille Wasser sind tief

Neben dem Klassenclown, den coolen Typen und den feschen Mädels, gibt’s in der Regel immer zumindest einen in der Klasse, der sich im Hintergrund hält. Der nicht mehr sagt als das, was gesagt werden muss und sich nichts aus dem macht, was ihn bei allen beliebt machen würde. Wo andere ihren oberflächlichen Gedankenaustausch vollziehen, sich „cool“ geben und ihre Witze reißen, um damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ist es oft der unscheinbare Außenseiter, der an tiefer greifenden Ideen festhält. Betrachtet man das Science Fiction-Genre (und vor allem die Trends der letzten Jahre) aus jenem Blickwinkel, ist Arrival wohl eben dieser Außenseiter, der uns fern von gewaltigen Effektschlachten daran erinnerz: Stille Wasser sind tief. Dabei ist Arrival genau genommen nicht mehr als der kleine Ausschnitt jedes „WTF, die Aliens kommen!“-Films, in dem der Versuch unternommen wird, mit Außerirdischen in Kontakt zu treten. Da der Film aber nun mal weder Attack noch Invasion heißt, kommt es darüber hinaus gar nicht erst zu einem Gefecht, das die Existenz der Menschheit bedroht, sondern vielmehr zu einem bewusstseinserweiternden Alternativ-Szenario, mit dem Autor Ted Chiang sein Publikum mit einer völlig neuen Sicht auf die Dinge konfrontiert. Mind: blown.

Während Arrival natürlich nicht außen vorlässt, was für eine weltpolitische Bedeutung eine Begegnung mit Außerirdischen hätte, wird die Vorgehensweise von Militär und Regierung im Film eher distanziert beschrieben – stets mit dem Fokus auf das, worauf es auch im Austausch mit den Aliens ankommt: Kommunikation. Sie ist nicht nur die erste Waffe in einem Konflikt, sondern auch die Basis für unsere Wahrnehmung, die uns Menschen charakteristisch prägt. Schon Goethe wusste ja „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“ – selbst wenn er damit freilich auf etwas anderes hinaus wollte als Chian in Story of Your Life, trifft seine Aussage den Nagel, auch in Bezug auf Arrival, auf den Kopf. Ja, simpel ausgedrückt dreht sich der Film lediglich um den Erstkontakt mit außerirdischem Leben und nicht etwa mit dem, was darauf folgt – laut Hollywood ja zwangsläufig ein Krieg, der nur mit gehissten US-Fahnen und unendlicher Feuerkraft gewonnen werden kann. Stattdessen hakt Arrival da ein, wo andere Filme nur spurlos vorbeiziehen und schafft gerade damit fesselndes, intelligentes Suspense-Kino.

Während Roland Emmerich & Co an den kleinen Mann appellieren und in ihren mit Kitsch überladenen Geschichten Everyday-Heroes, die vom allein-erziehenden Vater zum Retter der Menschheit mutieren, nach Schema F inszenieren, geht Villeneuve weit reservierter, vor allem aber differenzierter zu Werke. Ganz ohne automatisierte Feindseligkeit, vermenschlichte Mutanten und eindimensionale Figuren, ist Arrival verblüffend anders und erfrischend unvorhersehbar. Anstatt dem klassischen Kampf „Gut gegen Böse“ und der alles entscheidenden Frage – Wie besiege ich die Feinde? -, beschäftigt sich der Film mit der Frage nach dem Warum. Was wollen die ungebetenen Gäste eigentlich von uns? Und wie finden wir das überhaupt heraus? Genau damit weckt Arrival den Glauben an die Menschheit in mir. Denn Story of Your Life geht eben nicht direkt auf Konfrontationskurs, lässt die Menschen nicht blind mit Fackeln und Heugabeln auf eine vermeintliche Bedrohung losgehen, sondern blickt über den Tellerrand – und nährt damit eine Theorie, die einer Offenbarung gleichkommt, eine philosophische Erleuchtung, die auf wissenschaftlichen Prinzipien basiert und mein Verständnis von Sprache und Kommunikation wohl für immer verändert hat.

Prachtvolles Genrekino

Während sich Filmemacher gerade heutzutage gerne mal von Konventionen und Sehgewohnheiten verleiten lassen, kommt Denis Villeneuve erst dann so richtig auf Touren, wenn er vermeintlich unbekanntes Terrain betritt. Das verdeutlicht auch Arrival, dessen Inszenierung und Erzählstruktur, kurz gesagt, ein Produkt der Geschichte selbst ist. So knallt einem Ted Chiang nicht nur eine Reihe willkürlicher Theorien vor die Nase, sondern bedient sich dieser in aller Konsequenz auch selbst. Während das vor allem inhaltlich von Bedeutung ist, überlässt Villeneuve auch visuell nichts dem Zufall. Hat er nie.

Arrival ist auch hinsichtlich Optik und Musik das erwartete Gustostückerl. Neben beeindruckenden Settings und einem ebenso schlichten wie interessanten, so noch nie da gewesenen Design, lebt der Film von seinen ruhigen, fast schon hypnotischen, ungemein ausdrucksvollen Bildern. Kamerafahrten rauben einem den Atem, ohne dem Zuseher einer Reizüberflutung auszusetzen und ziehen einen regelrecht ins Geschehen, auch ohne überflüssigen 3D-Effekt. Jene unscheinbaren, aber umso kraftvolleren Bilder gehen sowohl Hand in Hand mit der pulsierenden, phänomenalen Filmmusik von Jóhann Jóhannsson als auch mit dem niedrigen Erzähltempo – eine wahre Wohltat in einer Zeit, in  der mit Vorliebe nach dem Prinzip „größer, lauter, schneller“ gearbeitet wird und Geschichten sowie deren Charaktere erst gar keine Zeit bekommen, um sich zu natürlich entfalten.

Der wahre Star

Ja, aus schauspielerischer Sicht ist Arrival zweifelsohne eine One-Man-Show. Gut, vielleicht wohl eher eine One-Woman-Show. Schon das Drehbuch verlangt nach einer Schauspielerin, die es vermag, einen vielschichtigen Film wie diesen auf ihren Schultern zu tragen. Und ganz abgesehen davon, dass die Rolle selbst nun einmal als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte zu betrachten ist, sollte Adams’ Performance keinesfalls schlechtgeredet werden. Adams brilliert jedenfalls als Louise Banks und verleiht ihrer Figur nicht nur Glaubwürdigkeit und Authentizität, sondern ein komplexes Profil, das durchaus ihre sechste Oscar-Nominierung mit sich bringen dürfte. Während dem US-Militär in Form von Colonel Weber (gut wie immer: Forest Whitaker) endlich einmal ein wenig Grips zugestanden wird, spielt sich Jeremy Renner schlicht und ergreifend einfach selbst. Ja, es liegt ihm einfach, hier und da mal einen Spruch rauszuhauen und sich dabei, ganz sidekicky eben, im Hintergrund zu halten – Stichwort: Avengers. In Arrival bleibt er dennoch verhältnismäßig blass, zumal seine Figur zwar nicht unwesentlich für die Geschichte ist, im entscheidenden Prozess aber nur wenig zum Geschehen beiträgt.

Bei all der Klasse, die sich für Denis Villeneuves Science Fiction-Debüt vor der Kamera versammelt, ist der wahre Star von Arrival das Drehbuch selbst. Wäre die Academy of Motion Picture Arts and Sciences bekannt dafür, die cineastische Spreu vom Weizen objektiv zu trennen , wäre Arrival zumindest eine Nominierung für das Skript sicher. Aber wie kennen ja die Oscars und wissen glücklicherweise auch ohne sie, wann wir einen Film gut finden. Außerdem wird Objektivität in Bezug auf Kunst wohl ohnehin noch länger eine ungeklärte Streitfrage bleiben…

Zamgfasst

Arrival ist ein wahrlich herausragendes Science Fiction-Drama, das sich Zeit nimmt. Zeit, die man sich auch selbst nehmen sollte, um den Film in all seine Vielschichtigkeit zu verarbeiten. Nicht unbedingt, um krampfhaft auf die Suche nach potentiellen Logiklöchern zu gehen, sondern vielmehr, um sich der Geschichte unvoreingenommen hinzugeben. Ja, Denis Villeneuve kann auch Science Fiction und führt uns mit Arrival an den Ursprung des Genres – ganz ohne Laserkanonen, flotte Sprüche und patriotische Propaganda.

Selbst mit einem Budget von immerhin knapp $50 Mio. bleibt sich der kanadische Wunderwuzzi treu und liefert mit Arrival großes, verhältnismäßig massentaugliches Arthaus-Kino. Einzig das Finale lässt sich mit ach so vielen Alien Invasion-Blockbustern vergleichen – mit dem Unterschied, dass an Stelle einer Großstadt eher euer Hirn explodiert. Metaphorisch, versteht sich.

9,5/10

Darum geht’s: Zwölf mysteriöse Raumschiffe landen zeitgleich in unterschiedlichen Regionen der Welt. Ihre Besatzung und deren Intention – ein Rätsel. Um globale Paranoia und einen potentiellen Krieg zu verhindern, soll ein Elite-Team um die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) und den Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) im Auftrag des Militärs Kontakt herstellen. Doch das unermüdliche Streben nach Antworten gerät bald zum Rennen gegen die Zeit – die eigene und die der gesamten Menschheit.

Des gibt’s zum wissn:

#1: Arrival basiert auf Ted Chiangs Kurzgeschichte Story of Your Life aus dem Jahr 1998.

#2: Ursprünglich sollte auch der Film Story of Your Life heißen. Das Testpublikum mochte den Titel allerdings nicht und empfand ihn als unpassend, was letzten Endes zur Umbenennung der Verfilmung führte.

#3: Regisseur Denis Villeneuve und Autor Eric Heisserer entwickelten für die Aliens im Film eine komplette, komplexe Sprache aus über 100 komplett unterschiedlichen Logogrammen.

#4: Villeneuve arbeitete eng mit dem britischen Physiker und Mathematiker Stephen Wolfram zusammen, um die Korrektheit der wissenschaftlichen Theorien im Film zu wahren.

#5: Amy Adams und Jeremy Renner hatten beide schon einmal „Besuch“ von Aliens, wenn auch getrennt voneinander – in Man of Steel bzw. Marvel’s The Avengers.

#6: Sobald Arrival fertiggestellt war, begann Villeneuve auch schon an seinem nächsten Film zu arbeiten – ein weitere Science Fiction-Film: Blade Runner 2049.

#7: Die Produktionskosten von Arrival betrugen knapp $47 Mio.

Wenn da Arrival taugt, dann vielleicht a…

…jeder andere Film von Denis Villeneuve. Zugegeben, Maelström oder Der 32. August auf Erden sind höchst unkonventionelles, aber wunderbar verspieltes, geistreiches Genrekino. Während mir Enemy dann aber doch ein wenig zu philosophisch und abstrakt wurde, empfand ich Prisoners fast schon als „den neuen Sieben“. Mit Sicario schlug er eine ähnliche Richtung ein, an die letztlich auch Arrival erinnert – langsam, wunderschön inszeniert und ungemein spannend.

Des Weiteren ist Interstellar aufgrund einiger Parallelen wohl die naheliegendste Empfehlung für alle, die „mehr Arrival“ sehen möchten. Ansonsten kann ich mich an dieser Stelle lediglich für all die anderen Science Fiction-Filme aussprechen, die auf Großes Krachbumm verzichten und stattdessen lieber zum Nachdenken anregen: 2001: Odyssee im Weltraum, SolarisMr. NobodyMoonEx MachinaDark CityDonnie Darko.

DVD/Blu-ray

Arrival erscheint voraussichtlich am 24. Mai 2017 auf DVD und Blu-ray. Informationen zu einer Sonderedition bzw. einer UHD Blu-ray gibt es derzeit noch nicht – ganz abgesehen vom Zavvi exklusiven Blu-ray Steelbook aus Großbritannien. Zur Ergänzung lohnt sich außerdem die Buchvorlage, die zum Kinostart des Films in Form eines Tie-Ins veröffentlicht wurde.

Spoiler Buff

Lange Zeit plätschert Arrival nur so vor sich hin, scheinbar linear von A nach B, mit ein paar Rückblenden, die immer wieder eingestreut werden. Bis sich (beim aufmerksamen Zuseher) irgendwann die Illusion löst, es würde sich lediglich um Bilder aus der Vergangenheit handeln, die das Verständnis des Hier und Jetzt mit entscheidenden Hintergrundinformationen füttern sollen. Die große Erleuchtung, die sich nach gut zwei Dritteln des Films anbahnt, kommt hingegen fast der von Christopher Nolans Interstellar gleich…

Der Film ist nahezu mit allem, was er tut, fernab von dem, an das man gewöhnt ist – ein cooler Titelheld sowie die ausbleibende Action sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Auch dass es zu keinem Welt(en)krieg kommt, ist eher nebensächlich. Die große Frage, die Arrival stellt, ist nun mal nicht, warum die Aliens angreifen, sondern, was sie überhaupt wollen. Und während es eine wohltuende Abwechslung ist, dass die Außerirdischen mal nicht zu Besuch sind, um unseren Planeten zu stören, ist der Grund für ihren Aufenthalt auf der Erde schon interessanter. Das Hilfegesuch ist jedenfalls etwas Neues, lässt aber erst erahnen, welch Geniestreich dahinter steckt: Zeitreisen. Naja, mehr oder weniger jedenfalls.

Man könnte meinen, mit der Entschlüsselung der Aliensprache wäre die Suche nach der großen Antwort endlich vorbei – dabei tun sich mit des Rätsels vermeintlicher Lösung noch weit tiefergehende Fragen auf. Und ehe man sich versieht, ist man selbst auch schon im Zeitkonstrukt der außerirdischen Besucher gefangen…

Ich selbst wusste erst nicht, wie ich mit dieser Entwicklung umgehen soll. Ich meine, wie zum Teufel ermöglicht einem die Sprache, die Zukunft zu sehen? Aber genau das ist es ja: Es gibt ebenso keine „Zukunft“, wie es keine „Vergangenheit“ gibt. Erst wer sich gedanklich von jenem Modell, das tief in uns verankert ist, löst, ist wohl in der Lage, das zeitliche Konzept von Abbott und Costello nachzuvollziehen. In seiner Kurzgeschichte Story of Your Life baut Ted Chiang vor allem auf der Sapir-Whorf-Hypothese auf. Diese befasst sich eingehend mit dem Zusammenhang zwischen Sprache und Wahrnehmung und basiert auf Forschungen über die Sprache der Hopi-Indianer, in der „Zeit“ nicht vorhanden war.

Um das Prinzip vereinfacht zu veranschaulichen: Kaiserschmarrn ist eine wunderbare österreichische Köstlichkeit. Menschen rund um den Globus – ob aus Japan, Nigeria, Mexiko oder Buenos Aires – haben davon aber wohl noch nie gehört, es sei denn sie waren schon einmal in Österreich oder besuchten ein österreichisches Restaurant. Ist das nicht der Fall, kann das Gericht ganz einfach anderweitig beschrieben werden (etwa die Zutaten oder die Zubereitung) – die Sprachforschung macht’s möglich. Einfach übersetzen, passt. Unter der Annahme, dass es auf anderen Planeten Lebewesen gibt, die miteinander kommunizieren, würden wir diese natürlich nicht verstehen, ohne deren Sprache zu erforschen – und genau das tut Louise Banks in „Arrival“ auch. Hier, am Beginn, fehlt uns das Wissen, um einerseits zu verstehen, was die Außerirdischen von sich geben und andererseits das Verständnis der Wahrnehmung, das auf ihrer Kommunikation basiert (bzw. umgekehrt). Besuchen wir also einen anderen Planeten und bieten den Lebewesen dort Kaiserschmarrn an, werden sie sich vermutlich ebenfalls wundern – vermutlich nicht bloß darüber, wie Kaiserschmarrn schmeckt, sondern über essentiellere Fragen. Wozu braucht man Kaiserschmarrn überhaupt? Was macht man damit? Was ist eigentlich „Essen“? Und warum sollte man es benötigen, um zu leben? Und, warum überhaupt leben? (Das könnte man unendlich so weiterführen)

Das alles sind nur freilich nur aus der Luft gegriffene Beispielfragen, die klarstellen sollen: Nur weil wir etwas nicht kennen oder nicht verstehen, heißt das nicht, dass es das nicht gibt. Erst die Wissenschaft ermöglicht uns, derartige Vorgänge zu verstehen und sie entweder zu bestätigen oder zu widerlegen. Pythagoras schenkte man einst auch keinen Glauben, als er von einer kugelförmigen Erde sprach. Und selbst, wenn sich die Aliensprache in Arrival bzw. Story of Your Life nicht mittels Wissenschaft erklären lässt – dann eben nur innerhalb unseres Verständnisses, unseres Wissens, unserer Wissenschaft, die in unserem Leben Anwendung findet. Das heißt auch noch lange nicht, dass andere Lebewesen nicht auf eigene Wissenschaften mit für uns unvorstellbaren Regeln und Gesetzen zurückgreifen, die für uns unvorstellbare Vorgänge ganz simpel erklären.

Um wieder auf Arrival zurückzukommen: Ich selbst hab‘ einige Zeit gebraucht, um mir über den Film und seine Vorlage sowie die wissenschaftlichen Theorien, die der Geschichte zugrundeliegen, Gedanken zu machen und zu verstehen, wie ausgeklügelt Arrival tatsächlich ist. Wer darauf keinen Bock hat und ganz einfach unterhalten werden will, ohne sich großartig den Kopf darüber zu zerbrechen, was da eigentlich passiert, sollte lieber gleich beim klassischen Popcorn-Kino bleiben und sich von eindimensionalen Geschichten berieseln lassen. Und nein, ich hab‘ gar nichts dagegen, auch mal das Hirn abzuschalten und mir von Michael Bay & Co selbst die stupidesten Inhalte vorkauen zu lassen – auch das muss zwischendurch mal sein.

Gerade in Anbetracht der Erzählstruktur, der Inszenierung und der komplexen Inhalte wirkt Arrival wie aus einem Guss – ein bis ins kleinste Detail durchdachtes, bewusstseinserweiterndes Kunstwerk, das sicherlich nicht jedem gefällt, aber gerade deswegen auch für Diskussionsstoff sorgt. Für mich ist Arrival jedenfalls nicht nur der beste Film des Jahres (Stand 11/2016), sondern auch einer der besten Science Fiction-Filme, die ich bis dato sehen durfte. Und Denis Villeneuve? Der bleibt nach wie vor einer meiner Lieblings-Regisseure, dem ich zutraue, einer der ganz Großen Hollywoods zu werden – solange er nur seine Originalität bewahrt.

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2 Gedanken zu “Stille Wasser sind tief: „Arrival“ ist Science Fiction-Kino für die Ewigkeit

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