„Swiss Army Man“: Verschrobene Dramödie mit Tiefsinn

KRITIK | Harry Potter war gestern, hier kommt der Swiss Army Man: Im vielleicht schrägsten Film des Jahres mutiert Daniel Radcliffe vom Zauberlehrling zum menschgewordenen Schweizer Taschenmesser.

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KRITIK

Die einen Filme findet man gut, andere wiederum nicht. Und dann gibt’s da noch Filme, nach denen man sich fragt, was zum Teufel man da überhaupt gerade gesehen hat. Swiss Army Man von Daniel Scheinert und Dan Kwan ist ohne Wenn und Aber einer der letzteren Sorte – und das muss man wirklich mögen (oder eben auch nicht). Der Film verlangt einem nicht nur während dem Schauen die volle Aufmerksamkeit ab, sondern hallt mit seinem Raum für Interpretationen im Hinterstübchen noch lange nach. Was für all jene, die Geschichten am liebsten häppchenweise vorgekaut bekommen, nicht mehr als eine willkürliche Ansammlung schräger Szenarien ist, regt andere wiederum zum Philosophieren, zum Rätseln, zum Interpretieren ein.

Es dauert nur wenige Momente und schon fühlt es sich an, als würde man Hank Thompson und seinen (un-)toten Kumpel Manny schon ewig kennen. Ja, während andere Filme kläglich daran scheitern, ihren Figuren auch tatsächlich Charakter zu verleihen, meistern die Daniels diese Herausforderung mit ungeheurer Leichtigkeit. Der Film schwingt binnen eines Augenblicks von melancholischer Traurigkeit in verspielte Unbekümmertheit um und haucht den beiden Hauptfiguren ungemein viel Leben ein – und das, obwohl einer der beiden, genau genommen, tot ist. Es ist dies nicht nur der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft, sondern der Startschuss einer abgedrehten Reise ins Ich.

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Wenn Fürze Leben retten…

Ich bin weiß Gott kein Freund von Fäkalhumor (zumindest nicht in Filmen) und schäme mich regelmäßig fremd, wenn Körperflüssigkeiten als Humorersatz herhalten. Derartige Einlagen dulde ich in infantilen Teeniekomödien, halte ich ansonsten aber nur ganz schwer aus. Umso spannender war die Erkenntnis, die mir Swiss Army Man offenbarte. Denn es sind nicht die penetranten Furzgeräusche oder die kotzenden Protagonisten, die mich immer wieder den Kopf schütteln oder hoffen lassen, dass die Szene gleich vorbei ist, sondern die Art und Weise, wie das Ganze in Szene gesetzt wird. Das mag sich irgendwie merkwürdig anhören, aber wenn die Geschichte von Hank und Manny eines ist, dann ist das nun mal merkwürdig.

Swiss Army Man funktioniert nach demselben Prinzip wie die verspielte Fantasiewelt eines Kindes. Irgendwie scheint alles möglich, auch wenn’s keinen Sinn macht. Es ist ein Heidenspaß, umher zu tollen und den Rest der Welt für einen Augenblick zu vergessen. Dass einen die Realität, die Triebe und Ängste, die Hoffnung auf Liebe und Akzeptanz und die Suche nach dem Sinn des Lebens immer wieder einholt, ist dabei eine unabdingbare Begleiterscheinung, die das Geschehen im Hier und Jetzt verankert.

Mit seinem verschrobenen Humor, hinter dem sich der unendlich tiefe Schlund des menschlichen Wesens zumindest einen Spalt breit öffnet, erinnert mich der Film fast schon an Quentin Dupieuxs Rubber. Gut, während Swiss Army Man eine Geschichte des Lebens ist, lädt das Killerreifen-Massaker eher zum Sterben ein. Der Punkt ist jedoch: Wer sich nicht um die Intention eines Films schert, nicht an dessen Oberfläche kratzen und stattdessen sein Hirn ausschalten will, sobald die Titelmusik ertönt, sieht nicht mehr als eine Aneinanderreihung kreativer Ideen, eingebettet in eine ungewöhnliche, aber belanglose Geschichte. Erst wer sich genauer mit den metaphorischen Geistesblitzen dieses charmanten Evolutions-Crashkurs auseinandersetzt, erkennt, was sich die Macher hier eigentlich gedacht haben – und das ist so einiges.

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…und ein toter Harry Potter a cappella singt.

Zugegeben, auch wenn der letzte Harry Potter-Film schon einige Jahre her ist, blieb Daniel Radcliffe für mich bis heute stets der Zauberlehrling von einst. Sich von einer Rolle, die einen über Jahre hin definiert, zu lösen, ist gerade für junge Schauspieler auch eine Hercules-Aufgabe. Und genau diese hat Dumbledores Schützling mit Swiss Army Man nun endlich bestanden, und zwar bravourös. Seine Darbietung des charismatischen (Un-)Toten ist ganz einfach köstlich, gleichzeitig aber auch wahnsinnig vielschichtig. Dazu kommt ein gewohnt souverän aufspielender Paul Dano, der für mich spätestens seit Little Miss Sunshine und There Will Be Blood zu den besten Charakterdarstellern seiner Generation zählt. Und im Duett? Da scheinen die beiden unschlagbar – egal ob sie nun gemeinsam über das Leben philosophieren, furzen oder den Soundtrack a cappella trällern.

Andy Hulls Filmmusik ist übrigens eines der vielen Markenzeichen, die Swiss Army Man auch noch in vielen Jahren auszeichnen werden. Dabei spuckt der Soundtrack weiß Gott keine großen Töne, sondern, ganz im Gegenteil. Die musikalische Begleitung wurde so minimalistisch wie möglich gehalten, um später umso stärker in Szene gesetzt zu werden. Und so fügt sich Swiss Army Man fast wie ein Puzzle zusammen, dessen Einzelteile unwillkürlich wirken, aber ein umso stimmigeres Gesamtbild ergeben.

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Zamgfasst

Zieht die Korken aus euren Allerwertesten und reitet auf der Welle der Originalität mit einem der abgefahrensten Filme des Jahres! Swiss Army Man macht im ersten Moment den Eindruck eines kurzweiligen, heiteren Abenteuers, stellt sich letzten Endes aber als ebenso alberner wie tiefsinniger Buddy-Movie heraus – charmante Unterhaltung mit Herz und Hirn.

8/10

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Darum geht’s: Er hat weder einen „Freitag“ zur Ablenkung noch einen Volleyball zur Ansprache. Deshalb hat der auf einer einsamen Insel gestrandete Hank (Paul Dano) bereits mit seinem Leben abgeschlossen und sich den alles beendenden Strick geknüpft, als ihn ein merkwürdiges „Strandgut“ ablenkt und unverhofft zu seinem Lebensretter wird: Die aufgeblähte Leiche von Manny (Daniel Radcliffe) entpuppt sich als veritabler, (un-)toter Alleskönner, mit dem sich trefflich Boot fahren, jagen und sogar kommunizieren lässt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Des gibt’s zum wissn:

#1: Swiss Army Man feierte seine Weltpremiere am 22. Jänner 2016, auf dem Sundance Film Festival.

#2: Es brauchte nicht mehr als diese Worte der beiden Regisseure – „the first fart makes you laugh and the last fart makes you cry.“ – um Paul Dano von dem Projekt zu überzeugen.

#3: Danos Charakter (Hank Thompson) ist eine Anspielung auf Tom Hanks, der in Cast Away ebenfalls auf einer einsamen Insel gestrandet ist.

#4: Unter all den Filmen, an denen Daniel Radcliffe bis dato mitarbeitete, ist Swiss Army Man der Lieblingsfilm des Harry Potter-Darstellers.

#5: Die Produktionskosten von Swiss Army Man betrugen ungefähr $3 Mio.

#6: Cast und Crew haben die Fürze, die im Film zu hören sind, selbst „produziert“. Auch Paul Dano hat mitgeholfen, Daniel Radcliffe nicht.

Wenn da Swiss Army Man taugt, dann vielleicht a…

Es ist nahezu unmöglich, so eine Kleinproduktionen, so einen abstrusen Nischenfilm, so ein unberechenbares, frisches Genrewerk in eine Schublade zu stecken. Zu sagen, „wenn dir der Film gefällt, dann sicher auch der“ ist deswegen nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. An dem einen oder anderen Anhaltspunkt kann man sich aber dennoch festnageln, um zumindest ansatzweise passende Empfehlungen auszusprechen.

Neben dem bereits angesprochenen Cast Away schoss mir beim ersten Mal, als ich von Swiss Army Man hörte, auch gleich Immer Ärger mit Bernie in den Kopf. Jetzt, wo ich den Film gesehen hab‘, erinnert mich das Szenario aber auch irgendwie an Ang Lees Life of Pi, der durchaus Parallelen zum schrägsten Untoten-Film des Jahres aufweist. Absolut sehenswert und ebenfalls mit der Geschichte des menschlichen Schweizer Taschenmessers vergleichbar sind zwei koreanische Produktionen, die unter Kennern fast schon den Status moderner Klassiker haben: Park Chan-wooks I’m a Cyborg, but that’s okay sowie Castaway on the Moon.

DVD/Blu-ray

Swiss Army Man ist ab 15. Februar 2017 im Handel erhältlich. Capelight Pictures hat die skurrile Dramödie aber nicht nur als Standard Edition auf DVD und Blu-ray angekündigt, sondern auch als Limited Collector’s Edition im Mediabook.

Spoiler Buff

Die Kritik zu Swiss Army Man ist ausnahmsweise mal ein wenig kürzer ausgefallen. Der Grund dafür ist allen voran, dass man von all den abgedrehten Vorkommnissen im Film einfach nicht erzählen kann, ohne schon gleichzeitig schon vieles vorwegzunehmen. Aber egal, ganz ehrlich? Der Trailer reicht doch schon, um den Film entweder auf die persönliche Watchlist zu stecken oder ihn mit sofortiger Wirkung auf ewig aus seinem Gedächtnis zu streichen…

Ob Manny nun als Motorboot-Ersatz einspringt, Trinkwasser kotzt oder sich anderweitig einsetzen lässt, Daniel Radcliffe brilliert in dieser so ungewöhnlichen Rolle. Dennoch, die entscheidenden Fragen, die dem Zuseher (oder zumindest mir) durch den Kopf schwirren, sind dann doch eher inhaltlicher Natur. Was geht da eigentlich vor sich? Halluziniert Hank lediglich und bildet sich das alles nur ein? Und was passiert währenddessen wirklich? Und: Wenn sich das alles nur in seinen Gedanken abspielt, warum weist uns der Film dann immer wieder darauf hin, dass das alles doch nur „Kopfsache“ sein könnte? Fragen über Fragen, die der Film letzten Endes zwar beantwortet, dabei aber dennoch jede Menge Raum für Eigeninterpretationen lässt.

Wer glaubt, Hank würde sich das alles nur einbilden, ist wohl ein wenig zu naiv an den Film herangegangen. Denn, warum sonst würde man genau das immer wieder andeuten, wenn’s dann tatsächlich so wäre?  Der Überraschungseffekt wäre dahin. Trotzdem bleiben für mich mehrere Erklärungen übrig, die ich solange im Hinterkopf behalten werde, bis ich den Film noch einmal seh‘.

Erklärung 1: Hank hat das alles nicht geträumt. Die Geschichte von ihm und seinem neuen besten Freund Manny hat sich genau so zugetragen, wie sie im Film gezeigt wird. Die Moral von der Geschicht‘, da zum Schluss auch andere Zeugen von Mannys Talenten werden: Glaubt an das Unglaubliche. Öffnet euren Geist und seht nicht nur das, was ihr sehen wollt oder das, was am wahrscheinlichsten ist. Blickt über den Tellerrand hinaus.

Erklärung 2: Manny hat Hank tatsächlich das Leben gerettet, indem er an Land gespült wurde. Hank, der sich aufgrund seiner nicht erwiderten Liebe das Leben nehmen will, entscheidet sich gegen den Selbstmord, weil ihm Manny Hoffnung gibt. Nach dem „Verlust“ in der Liebe, könnte ihm Freundschaft den nötigen Halt und Auftrieb geben, um die Sache durchzustehen und seine Depression zu überwinden. Von nun an halluziniert Hank und spielt Gedankenexperimente durch, die ihm unentwegt durch den Kopf gehen und seine psychische Erkrankung nähren.

Erklärung 3: Mein Favorit. Nicht unbedingt naheliegend, aber interessant. Was, wenn sich Hank gleich zu Beginn tatsächlich umgebracht hat? Das, was im Film zu sehen ist, könnten demnach die Bilder sein, die ihm kurz vor seinem Tod durch den Kopf gingen. Ein Szenario, das Hank gleichermaßen fürchtet und sich dennoch so sehr wünscht.

Es gäbe unzählige Anhaltspunkte, um weitere Alternativen durchzuspinnen, viele Fragen, die noch zu beantworten sind und Rätsel, die vermutlich ungelöst bleiben wollen. Warum hat ausgerechnet Manny (und nur Manny) dem kleinen Mädchen am Schluss geantwortet? Und warum sah Hanks Vater ihn am Ende so verständnisvoll an, als würde er wissen, was los ist? Weiß er womöglich mehr? Etwa von Hanks Erkrankung? Oder der Erkrankung seiner Mutter, die Hank offensichtlich zu erben scheint? Ja, Swiss Army Man gibt viele Fragen auf, die nicht alle beantwortet werden. Vielleicht auch doch und ich hab ganz einfach nicht genau genug hingesehen. Egal. Aber wer sich die Zeit nimmt und Spaß daran hat, nicht unbedingt „die richtige“ Antwort, aber zumindest die, mit der man selbst am besten leben kann, zu finden, wird mit Swiss Army Man seinen Spaß haben. Und zwar immer und immer wieder.

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