„Ip Man 3“: Große Emotionen & fliegende Fäuste zum Abschied von Bruce Lees Mentor

KRITIK | Donnie Yen gibt noch einmal den ehrwürdigen Mentor von Bruce Lee. In Ip Man 3 haut er aber nicht nur ein letztes Mal auf die Kacke, sondern schafft auch Raum für große Gefühle.

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© 2016 KSMFilm

KRITIK

Filme wie Ong-Bak oder The Raid haben das Martial Arts Kino in den letzten Jahren spürbar belebt. Und trotzdem sind die Actionkracher mit Tony Jaa und Iko Uwais vor allem eines – Unterhaltungskino, wenn auch richtig starkes. Mit der Ip Man Saga hat sich Donnie Yen aber nicht nur endgültig den Weg nach Hollywood geebnet (er ist demnächst u.a. in Rogue One: A Star Wars Story und xXx: The Return of Xander Cage zu sehen), sondern als Mentor von Kampfsportlegende Bruce Lee auch Genregeschichte geschrieben. Denn eines ist sicher: Mit atemberaubender Action und einer mitreißenden Geschichte, die obendrein auf tatsächlichen Ereignissen beruht, haben Ip Man und Ip Man 2 das Zeug zu echten Klassikern. Meine Erwartungshaltung an den dritten Teil der Saga erinnert deswegen auch fast schon an die, die man auch nach James Camerons Terminator-Filmen hatte. Aber, keine Sorge. Auch wenn Ip Man 3 seinen Vorgängern nicht ganz gerecht wird, schneidet der Film im direkten Vergleich im Genre-internen Konkurrenzkampf immer noch überdurchschnittlich ab!

Wir befinden uns mittlerweile im Jahr 1959. Das bedeutet nicht nur schnippsende Straßengangster, die an die High School-Cliquen aus Grease erinnern, sondern vor allem auch einen etwas in die Jahre gekommenen Ip Man. Immerhin hat der die Blüte seines Lebens im dritten Kapitel der Reihe mit Mitte 60 längst passiert, auch Donnie Yen feiert dieses Jahr schon immerhin schon seinen 53. Geburtstag. Und ja, alleine schon darin unterscheidet sich Ip Man 3 unverkennbar von seinen Vorgängern. Aber eines nach dem anderen…

„Wir haben alle Stärken und Schwächen, das ist normal.“

Die Action kann schon was. Kein Wunder, immerhin wurden die Kämpfe von keinem Geringeren als Yuen Woo-Ping choreographiert – und der zeichnete immerhin auch für die Fights in MatrixKill BillKung Fu HustleThe Grandmaster und Fearless verantwortlich. Es ist nach wie vor ein Genuss, zuzusehen, wie unglaublich gekonnt und mit welcher Präzision und Disziplin Donnie Yen seinen Gegner Lektionen erteilt. Und trotzdem: Mit einer Ausnahme – dem Kampf zwischen Yen und Box-Legende Mike Tyson – ist Jin Zhang das Maß aller Dinge, wenn es darum geht, es krachen zu lassen. Der hat sein Talent bereits in Filmen wie The Grandmaster und Lethal Warrior unter Beweis gestellt und klettert mit seiner jüngsten Performance auf der Karriereleiter wohl noch eine Stufe höher. Kampfsporttechnisch ist Ip Man 3 über jeden Zweifel erhaben, auch wenn frische Kameraeinstellungen nicht ausschließlich aufwerten, sondern stellenweise auch für Konfusion sorgen. Einem US-Film würde ich an dieser Stelle wohl unterstellen, die mangelnde Physis der Darsteller vertuschen zu wollen. Aber das kann es hier wohl nicht sein…

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© 2016 KSMFilm

Wer mit der Geschichte von Bruce Lees Meister vertraut ist, weiß, dass der nicht nur als Urvater des Wing Chun gilt, sondern auch abseits seiner Kung Fu Schule die eine oder andere Schlacht zu kämpfen hatte. In Anbetracht der Geschehnisse, die in Ip Man 3 stattfinden, sprechen wir ganz klar vom dramatischsten Kapitel von Ip Mans Leben. Während das Wohl aller für ihn bis dato größte Priorität hatte, ändert sich das schlussendlich, wenn seine Familie gleich von mehreren Schicksalsschlägen heimgesucht wird. Diese werden mal beiläufig eingestreut und drücken ein anderes mal ganz besonders auf die Tränendrüse, reißen einen aber trotz aller Emotionalität nicht ganz so mit, wie es die ersten beiden Filme geschafft haben. Schade, gerade hier verschenkt man reichlich Potential.

„Nichts ist so wichtig wie die Liebe deines Lebens.“

Die beiden Vorgänger sind nahezu makellos und könnten insgesamt kaum stimmiger sein. Dieses Niveau erreicht Ip Man 3 leider nicht, aus verschiedenen Gründen. Neben teils kitschigen Einlagen wurden Action und Story nicht mehr so mühelos wie bei den ersten beiden Filmen verschmolzen. Es geht nur holprig voran. Auch der (hervorragende) Soundtrack wird nicht immer der Dramaturgie zuträglich eingesetzt und die Synchronisation (für die der Film selbst natürlich nichts kann) hat mich stellenweise schon mal die Stirn runzeln lassen. All das mögen zwar nur Kleinigkeiten sein, gerade die trüben das Gesamtbild letzten Endes aber doch einschneidend.

Zamgfasst

Regie: Wilson Yip. Hauptdarsteller: Donnie Yen. Stunts: Yuen Woo-Ping. Alleine diese drei Herren sollten für Freunde des Martial Arts Kinos schon Grund genug sein, um einen Film auf die Watchlist zu setzen. Und dennoch: Sie selbst waren es, die sich die Latte für Ip Man 3 mit den beiden Vorgängern unerreichbar hoch gelegt haben.

Inhaltlich scheint das Finale der Trilogie unverzichtbar. Alleine deswegen ist es letzten Endes wohl gut, dass man sich nach anfänglichen Zweifeln doch noch für die Verwirklichung eines abschließenden Kapitels entschieden hat. Und trotzdem hat die erschütternde, rührende Lebensgeschichte eines der bedeutendsten Kung Fu Meisters des 20. Jahrhunderts noch gehörig Luft nach oben, in fast allen Belangen.

Neben einer löblichen Veranschaulichung von Werten, irgendwo zwischen Moral und Moneten, verfällt Ip Man 3 leider immer wieder auch der Schwarz-Weiß-Malerei, sowohl was das klassische Duell zwischen Gut und Böse angeht als auch die Darstellung der Frau. Trotz dieser Unstimmigkeiten sollten aber gerade Martial Art Fans Ip Man 3 keinesfalls verpassen, sondern lediglich die Erwartungen ein klein wenig runterschrauben. Wann war ein dritter Teil auch schon mal so gut wie das Original?

7/10

© 2016 KSMFilm
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Darum geht’s: Hong Kong, 1959: Der berühmte Wing Chun-Großmeister Ip Man (Donnie Yen) führt ein ruhiges, zurückgezogenes Leben mit seiner Familie. Doch als sich eine Bande brutaler Gangster unter der Führung des korrupten US-Bauspekulanten Frank (Mike Tyson) gewaltsam immer mehr Land unter den Nagel reißen will, kann Meister Ip nicht tatenlos zusehen. Als Frank nicht einmal vor der Entführung von Ips Sohn zurückschreckt, kommt es zwischen den beiden Kontrahenten zum alles entscheidenden Showdown!

Des gibt’s zum wissn

#1: Donnie Yens Ehefrau zeigte sich vorab besorgt, dass ihr Gatte von Mike Tyson verletzt werden könnte. Letzten Endes war es Donnie Yen, der Tysons Zeigefinger bei den Dreharbeiten gebrochen hat.

#2: Ip Man lehrte Bruce Lee Wing Chun von dessen 16. bis 32. Lebensjahr. Kwok-Kwan Chan, der Lee in Ip Man 3 verkörpert, war bei den Dreharbeiten allerdings schon 40  und damit älter als es Bruce Lee jemals wurde.

#3: Der Muay Thai-Kämpfer im Film ist Sarut Khanwilai, Tony Jaas  Stunt Double in Skin Trade.

#4: Ursprünglich wollte man Bruce Lee mit digitaler Bearbeitung möglichst authentisch in Szene setzen. Aufgrund eines Rechtsstreits hat man sich schlussendlich aber dagegen entschieden.

#5: In China spielte Ip Man 3 $71,2 Mio. an seinem Startwochenende ein.

#6: Bruce Lee wurde in Hong Kong 1958 nationaler Meister im Cha-Cha-Cha. Auch darauf wird im Film am Rande eingegangen.

#7: Die Produktionskosten von Ip Man 3 haben ungefähr $36 Mio. betragen.

Wenn da Ip Man 3 taugt, dann vielleicht a…

Ip Man und Ip Man 2 sollte man gesehen haben, bevor man sich Ip Man 3 widmet. Die beiden Filme sind als direkte Vorgänger nicht nur inhaltlich relevant, sondern darüber hinaus einfach beste Unterhaltung für Kampfsportfans. Ip Man Zero und Ip Man – Final Fight gelten vor allem als Mitläufer, die mit Ip Mans Namen Geld in die Kassen spülen sollten und können der Saga von Wilson Yip keinesfalls das Wasser reichen. Stattdessen sollte man dann doch eher zu Fearless mit Jet Li greifen – der weist einige Parallelen zu Ip Man auf, sowohl inhaltlicher als auch inszenatorischer Natur.

Weitere sehenswerte Filme mit Hauptdarsteller Donnie Yen sind u.a. Kill Zone: SPL (mit Sammo Hung), Flash PointBodyguards and Assassins und Legend of the Fist.

DVD/Blu-ray

Es ist schon ungewöhnlich, dass es ein Film wie Ip Man 3 in die heimischen Kinos schafft, wenn auch nur für ein paar Tage – ein Pflichttermin für Fans wie mich. Wem es aber genügt, Donnie Yens letzten Auftritt als Wing Chun Großmeister von der Couch aus zu verfolgen, der muss sich nur etwas mehr als ein Monat gedulden. Denn schon ab 23. Mai 2016 gibt es den Film auf Blu-ray, DVD sowie im Blu-ray Steelbook. Aber Achtung…

Darüber hinaus gibt es schon seit längerer Zeit auch eine Ip Man Trilogie sowie eine Ip Man Anthologie, die neben Ip Man und Ip Man 2 nicht etwa Teil 3 enthalten, sondern Ip Man Zero bzw. Ip Man – Final Fight, in denen wir To Yu-Hang und Anthony Wong als Ip Man sehen (nicht Donnie Yen!). Die beiden Filme beschäftigen sich zwar ebenfalls mit Bruce Lees Mentor, gehören allerdings nicht offiziell zur Reihe.

Übrigens, es gibt mittlerweile auch schon eine TV-Serie rund um Ip Man. Die 1. Staffel erscheint 2017 und kann bereits vorbestellt werden – wahlweise auf DVD oder Blu-ray.

Spoiler Buff

Gibt es Bruce Lee zu sehen und wenn ja, wie lange? Zu welcher Zeit endet die Geschichte von Ip Man 3? Mit Ip Mans Tod? Wie schlägt sich eigentlich Mike Tyson im China der 50er Jahre? Und, führt der Film eigentlich den Vorgänger direkt fort? Fragen, die nach Antworten schreien – und die sollen sie bekommen. Aber Achtung: Wer die Ip Man-Filme noch nicht kennt und vorab nicht zu viel darüber erfahren will, sollte an dieser Stelle wohl besser aufhören zu lesen!

Nachdem wir den kleinen Bruce Lee am Ende von Ip Man 2 zu Gesicht bekommen, ist es naheliegend, dass wir ihn auch im abschließenden Kapitel der Reihe zu sehen kriegen. Aufgrund eines großzügigen Zeitsprungs ist der allerdings mittlerweile zum jungen Mann herangewachsen – und der ist vor allem dazu da, um Ip Man das Tanzen beizubringen! Im Ausgleich dafür lehrt ihn Ip Man Wing Chun, auch wenn man davon im Film nichts zu sehen bekommt. Kwok-Kwan Chans Imitation von Bruce Lee stützt sich vor allem auf das klassische Naserümpfen Lees sowie Gestik und Mimik, die Chan hervorragend getroffen hat. Bis auf ein paar Kicks, mit denen er umher fliegende Zigaretten durch die Lüfte schnellen lässt, gibt’s kampfsporttechnisch aber nichts von ihm zu sehen. Das ist die Aufgabe anderer…

Mike Tyson ist nur in einer Nebenrolle mit von der Partie – das sollte einem klar sein. Und hat man sich erst einmal an seinen merkwürdigen Deutsch/Englisch-Mix in der synchronisierten Fassung gewöhnt, kann man sich in aller Ruhe auf dessen Kampfkünste konzentrieren – und die wurden richtig brachial in Szene gesetzt. Ob man Tyson als Boxer oder als Mensch nun mag oder nicht, ist natürlich jedem selbst überlassen. Der Kampf zwischen ihm und Donnie Yen ist objektiv betrachtet aber ohne jeden Zweifel eines der Highlights des Films, nicht zuletzt aufgrund Tysons Performance!

Donnie Yen schlüpft ein letztes Mal in die Rolle Ip Mans und haut nochmal auf die Kacke. Neben einer Handvoll One-on-One Kämpfen und der einen oder anderen Massenschlägerei stehen für ihn allerdings (erstmals!) Ehefrau und Kind im Vordergrund. Kein Problem, denn Jin Zhang ist ja auch noch da und begeistert mit wahnwitzigen, kompromisslosen Fights! Zhang werden wir nach Lethal Warrior und Ip Man 3 wohl auch in Zukunft immer öfter sehen, hoffe ich. Seine Charakterentwicklung vom liebenden, sorgsamen Vater zum Geldgeier ist zwar zu jeder Zeit vorhersehbar, aber dafür kann er ja nichts…

Nachdem Ip Man stets das Wohl aller am Wichtigsten ist, tritt in Teil 3 erstmals die Familie in den Vordergrund – eine späte Einsicht des Großmeisters, der letzten Endes doch noch erkennt, was im Leben wirklich zählt. Bedenke ich allerdings, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, hätte mich der Film einfach weit mehr packen müssen. Ich mein, wenn innerhalb kürzester Zeit der eigene Sohn entführt wird und die Ehefrau an Krebs erkrankt, während sich auch noch das Land selbst in einer Krise befindet, dann ist das doch bestes Material, um dem Publikum nahe zu gehen. Da aber die Entführung mal eben ganz beiläufig geklärt wird und der Film hier und da nicht auf Kitsch & Klischees verzichten will, verliert mich Ip Man 3 immer wieder. Erst gegen Ende, wenn Ip Man auf „seinen“ großen Kampf verzichtet, um (vielleicht ein letztes Mal) mit seiner sterbenden Frau zu tanzen, erreicht der Film jene Emotionalität, die er bis dahin vermissen ließ. Schade, denn die hätte schon viel früher einsetzen müssen – gerade dafür ist das Drehbuch wie gemacht!

Zum Abschluss hat man Ip Man übrigens nicht sterben, sondern ein letztes Mal kämpfen lassen. Wohl eine weise Entscheidung mit gutem Ausgang, auch wenn der Finalkampf im Vergleich zu vorangegangenen Auseinandersetzungen weder emotional, noch technisch nachlegen kann und nur bedingt als „großes Finale“ durchgeht.

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